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Die sozialen und revolutionären Bewegungen Von der nationalen zur sozialen Revolution. Zur Geschichte der Aufstände und der Massenbewegung in Polen

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

Don der nationalen zur sozialen Revolution 
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Buches als Strafsoldat nach dem Kaukasus verschickt. Die 
Mkolaische Zensur verbot die Lektüre der Dichtungen — 
sie wurden auswendig gelernt. 
Es ist charakteristisch, das; Mickiewicz und Stowacki von 
den Polen nicht Dichter genannt werden, sondern Kün 
der („wieszcz“). Ihre Berufung wird durch diese Be 
nennung bestätigt, ihre Führerschaft anerkannt. Sie sind 
nicht Dichter in dem schäbigen Sinne, den man in Europa 
mit der Bezeichnung Dichter (oder 
Künstler) verbindet. Denn was ist 
der Dichter in Europa? Welche Stel 
lung nimmt dieser Mensch ein und 
wie stellt man sich zu seiner Betäti 
gung? Was ist der Schaffende und 
was bedeutet sein Werk? Der Dich 
ter wird zugleich erhoben und trivia- 
lisiert, man beweihraucht ihn und 
schützt ihn gering, er ist Priester und 
Komödiant. Don ihm geht es auf sein 
Werk über. Dieselbe Einschätzung wie 
der Produzent erfährt auch sein Werk. 
Erinnert ihr euch an Rubek, an Pro 
fessor Rubek-Ibsen, den Vertreter so 
vieler Dichter-, Maler-, Bildhauer-, 
Musiker-Generationen, an dieses „liebe, 
große, alternde Kind", das „zum 
Künstler geboren" wurde und „trotz 
allem (!) auch nie etwas anderes als 
Künstler werden wird". Weshalb Rubek 
ein „Dichter" genannt wird: „weil in 
diesem Wort eine Entschuldi 
gung liegt... Eine A b s o l u t i o n 
— die einen Mantel über alle 
Schwäche und Unvollkom- 
m c n h c i t breitet." Der Dichter ist 
in Europa ein Gemisch aus Wonne 
und Unrat. Der Dichter frißt aus der 
Bourgeoishand. 
Mickiewicz dichtete: „ich heiße eine 
Million. Denn für Millionen leide ich 
und ertrage Martern." Stowacki 
nannte sich: „pater patriae", und der 
Maßstab, nach dem er seine Dichtun 
gen beurteilte, war, ob er sie Christus 
würde vorlesen können. „Ich muß 
Dir gestehen" — schrieb er an die Mut 
ter — „ich würde vor Christus weder 
die Dichtung ,In der Schweiz' noch andere persönliche 
Dichtungen mit Begeisterung zu deklamieren wagen; 
doch die Beschreibung der Schlacht im dritten Akt der 
Salomca oder das Drama des Wernyhora im fünften 
Akt würde ich ruhig vortragen" (gemeint sind die Stellen 
aus dem Drama: „Der silberne Traum der Salomea"). 
Denn Mickiewicz und Stowacki begnügten sich nicht 
damit, daß ihnen die Wogen der Begeisterung poetische 
Perlen an den Strand des Lebens warfen, sie wollten den 
Augenblick, in dem der Geist es ihnen gab, aus zusprechen, 
sie warteten auf die Prophetenkraft, um künden zu können. 
Es ist nicht Dichtung, was sie erstrebten, sondern Mantik. 
Das, was die beiden Dichter Polen prophezeiten, ist, 
daß es durch seine Leiden alle Völker erlösen werde. — 
Die Leiden, die Polen zu erdulden hat, sind nur eine 
Prüfung. Es soll durch sie für die Aufgaben, die seiner 
harren, vorbereitet werden. Um der Welt das Heil zu 
bringen, habe Polen die Sünden der Völker auf sich ge 
nommen. Es büße nicht nur eigene Sünden, sondern auch 
die Schuld aller Nationen. Erst, nachdem die Expiation 
erfolgt ist, wird der Friede in die Welt kommen. Deshalb 
mußte Polen gekreuzigt werden. Es ist ein Christus 
der Völker und wird wieder auferstehen. Dann wird 
es ohne Makel sein, der erlöste Erlöser. 
Mickiewicz zählte die Sprachen auf, 
die Gott im Lause der Geschichte ge 
sprochen habe, und sah die Zeit nahe, in 
der Gott polnisch sprechen werde. 
Polen werde her Messias der Welt 
werden. 
Dieser Glaube an die Auserwählt- 
heit der polnischen Nation brachte es 
mit sich, daß Mickiewicz die Fehler, 
die den Polen anhafteten, mit einer 
gewissen Nachsicht beurteilt hat. Es 
waren sozusagen glänzende Fehler. 
Man zürnte ob dieser Fehler, aber 
zugleich hatte man für sie etwas übrig. 
Man wollte mit Skorpionen züchtigen 
und hielt das tröstende Spielzeug schon 
in Bereitschaft. Es darf nicht ver 
schwiegen werden, daß Mickiewicz in 
dem Epos „Pan Thaddäus" die Fehler 
der Schlachzizen, die Institutionen 
des polnischen Staates, die Vergangen 
heit idealisiert hat. Es ist eine Verklä 
rung, ein In-die-Sonne-Tauchen. Soll 
ten diese Gebräuche und Sitten der 
Väter verschwinden, das altpolnische 
Leben ein Ende haben, sollte man 
nicht mehr atmen diese mit Heuduft 
gewürzte Luft, nicht mehr das leicht 
sinnige Lachen, die Iagdschüsse und die 
Vivats hören? Sollten diese Tänze 
nie wieder getanzt werden? „Ach, 
vielleicht ist es der Letzte" — ruft er 
mit Wehmut aus — „seht, seht hin, 
ihr Jungen! Vielleicht ist es der 
Letzte, der so die Polonäse führt." 
Von allen Werken des Dichters ist 
dieses Werk das unzeitgemäßeste. 
Aber aktiv und revolutionär waren 
die Dichter Mickiewicz und Stowacki, 
als sie vor Gott und den Menschen ihre Anklage 
erhoben, als sie die Hölle des Zarismus schilderten, dem 
Unterdrücker drohten und fluchten und das eigene Volk be 
schworen, nicht zu vergessen und zum Kampf sich zu rüsten. 
Mickiewicz nahm in seinen in französischer Sprache 
geschriebenen Aufsähen, die er in der „Tribune ckes Teuples" 
veröffentlichte, zu den aktuellen politischen Fragen Stel 
lung. Der Standpunkt, von dem aus er die politischen 
Ereignisse beurteilte, war radikal (beinahe sozialistisch) und 
die Regierung Louis Napoleons hat auch im Juni 1849 
das Blatt verboten. 
Stowacki nannte sich einen „Republikaner des Geistes" 
und meinte, „wenn Plato heute leben würde, wäre er 
ein Republikaner wie ich". 
Und der Jugend rief Mickiewicz in der an sie gerichteten 
„Ode" zu :„Die Wafse soll durch die Waffe geschlagen werden". 
* 
Das Mickieivicz-Denkmal in Warschau 
von Lchprjan Soäebski 
* 
*
	        
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