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Die sozialen und revolutionären Bewegungen Von der nationalen zur sozialen Revolution. Zur Geschichte der Aufstände und der Massenbewegung in Polen

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

Don der nationalen zur sozialen Revolution 
st 3 
zu einer beträchtlichen Höhe über das gute europäische 
Niveau emporgearbeitet haben, so daß dadurch der euro 
päische Verpflichtungsgrad gestiegen ist, wiederum der 
Begriff der Elite ein höherer geworden ist und die Stoß 
kraft nach oben stärker wurde. 
Man hatte in Europa Sympathien für das Unglück 
der Polen, man empfand auch jetzt Achtung vor der 
Reinheit des polnischen Lebens. 
„Krapülinski und Waschlapski" fehl 
ten nicht unter den Emigranten, aber 
cs gab ihrer nicht viele. 
Der Emigrant hat seine historische 
Rolle erfüllt. Seine wirklichen Ver 
dienste werden nicht dadurch ge 
schmälert, daß sein Epigone klein 
und verächtlich wurde. Auch der 
Epigone des Emigrantenttlms hatte 
nur die äußeren Zeichen, das Klischee. 
Das politische und geistige Leben 
in Europa bekam später einen an 
dern Inhalt und eine neue Form, 
man hatte nicht mehr nationale, 
sondern sozialistische Ziele. Wer also 
am Scheidewege stehengeblieben ist 
und seine alte nationale Litanei 
noch so laut herleierte, auf den 
konnte man nicht mehr hören. So 
werden die lebendigsten Worte mit der Zeit eine Arie, 
jedes teure Emblem wird zuletzt ein Theaterrequisit, in 
ein Museum oder in ein Panoptikum gehört jeder, der 
.„geschichtlich" geworden ist, Begriffe veralten, faulen und 
stinken. .„Der polnische Flüchtling", „der bleiche Fremd 
ling", „der edle Pole" überleben sich, die nationale Trauer, 
die Verzweiflung, das gebrochene Herz, die Träne im 
Atigc — werden Kitsch. 
* * 
* 
Man hatte durch die Erhebung ein freies Polen nicht 
schaffen können. Aber die Arbeit für die nationale Be 
freiung durfte nicht ruhen. 
Bei einer passenden Gelegen 
heit sollte eine Revolution 
wieder gemacht werden, 
man mußte für diese neue 
Revolution alle Vorberei 
tungen treffen. Die All 
gemeinheit sollte wissen, daß 
nur gewartet werde und 
woratif gewartet werde. Es 
war notwendig, das natio 
nale Bewußtsein zu stärken. 
Der Schwur, der auf Be 
schluß des Landtages wäh 
rend des Aufstandes im 
ganzenLande geleistetwurde, 
daß man „diese Un 
abhängigkeit, diese 
Stellung rinter den 
Völkern, zu der Gott 
die polnische Nation vorbestimmt hatte, 
wiedererlangen m ü s s e", durfte nicht in Vergessen 
heitgeraten. Es galt, dieGegensätze zwischen Polen und dem 
Unterdrücker nicht zu verwischen. Die Gegensätze niußten 
hervorgehoben und betont werden. Die revolutionäre 
Taktik bestand darin, daß man stets darauf hinwies, daß 
fiel) die Gegensätze nicht gemildert haben und daß sie sich 
immer mehr verschärfen werden. Ein Ausgleich war nicht 
möglich, ein Kampf unausbleiblich. Und da der Kampf 
unausbleiblich war, mußte man ihn beschleunigen. Alle 
Vorbedingungen dafür schaffen, daß das Ergebnis des 
Kampfes für Polen ein günstiges sei. 
Wo konnte man das sagen? In Versammlungen? — 
alle Vereine hat die zaristische Regierung geschlossen. In 
Zeitungen? — sie unterlagen der 
strengsten Zensur. 
DieWirklichkeitsollteim 
Gedicht leben, das Poli 
tische wurde Gegen st and 
der K u nst. 
In einem unpolitischen Lande wie 
Deutschland, wo sich der geistige. 
Mensch von der Politik fernhielt, 
tmd wo der Dichter sich stets so him 
melhoch schwang, daß er die Erde 
ganz aus dem Gesicht verlor, muß 
ntan immer wieder auf die Aktivität 
der Kunst in anderen Ländern, also 
bei dieser Gelegenheit auf die Ak- 
tivität der polnischen Kunst hin 
weisen. 
Es hieß in Deutschland gewöhn 
lich: „Ein garstig Lied! Pfui! ein 
politisch Lied." Die Worte wurden 
mechanisch nachgesprochen. Was auch geschehen mochte, 
der Dichter war davon unberührt. Was gingen ihn profane 
Dinge an, und es waren profane Ereignisse, die sich auf der 
Erde abspielten. Der detitsche Dichter thronte auf den 
Höhen, dort war sein Reich. Er sprach zu den Wolken, zu 
den Winden, spielte mit Sonne, Mond und Sternen, 
wandelte verklärt den sternenhellen Weg. Stieg ec ge 
legentlich auf die Erde hinab, so hatte er hier noch seinen 
„elfenbeinernen Turm" und konnte sich abschließen, iso 
lieren. Politische Fragen waren ihm gleichgültig, er hatte 
für sie eine Geringschätzung, wenn nicht Verachtung. Was 
ging ihn die Politik an? 
Er wußte, sie verdarb den 
Charakter und den poetischen 
wird er sich nicht verderben 
lassen. Der Dichter hielt 
seine Dichtung so „allge 
mein als möglich", er war 
tendenzlos, metaphysisch. 
„Jeder andere Stern ist 
besserdenn dieErde,"erklärte 
er in seiner Erhabenheit und 
fühlte sich beleidigt durch 
die Ärmlichkeit und durch 
das Unharmonische, er schalt, 
daß in Deutschland: „wüster 
immer, öder werden da die 
Menschen . . . der Knecht 
sinn wächst, mit ihm der 
grobe Mut, der Rausch wächst 
mit den Sorgen und mit der 
Üppigkeit der Hunger und die Nahrungsangst." (Hyperion.) 
Aber er fühlte sich für die Zustände nicht verantwortlich 
und tat nichts, um sie zu ändern. Er stieg gekränkt 
rurd angewidert auf seinen hohen Berg wieder hinauf, 
kehrte zu seinen göttlichen Gefühlen zurück, schatikelte ver 
träumt auf einem Sonnenstrahl. Mit den Menschen, mit 
der Zeit, mit dem Geschehen wollte er nichts zu tun haben, 
IuUusz Stowacki 
Die Mickiewicz-iirypta auf ciem Mawel in iirakau 
Im Dom — äer Begräbnisstätte der polnischen Könige — erhielt der Dichter 
das Ehrengrab
	        
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