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Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

Von der nationalen zur sozialen Revolution 
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sich erfüllen" und in der die Erweiterung der Rechte in 
Aussicht gestellt wurde. 
Man mühte also meinen, dah die Strafe für die 
Gründung eines geheimen Freimaurerbundes nicht so 
hart ausfallen würde, insbesondere, da Lukasinski seinen 
nationalen Freimaurerbund schon August 1820 selbst aus 
gelöst hatte — also noch zwei Jahre vor dem Erlaß, 
durch den Alexander I. die Schließung und Aushebung 
aller geheimen Verbindungen und Freimaurerlogen ver 
fügte. (Und die spätere Gründung eines patriotischen 
Vereins durch Lukasinski ist nicht bekannt geworden, stand 
also weder zur Anklage noch zur Aburteilung.) 
Die geheime Polizei mit Rowosilcow an der Spitze 
war dem nationalen Freimaurertum aus die Spur ge- 
komnten. Großfürst Konstantin, dem die Angelegenheit 
berichtet worden war, forderte — September 1821 — Luka 
sinski auf, sich durch eine schriftliche Deklaration zu recht 
fertigen. Er befahl nach 
Erhalt derselben Lukasinski 
zu einer mündlichen Unter 
redung und nahm dem 
Major das Ehrenwort ab, 
daß er fortan einer gehei 
men Verbindung nicht mehr 
angehören werde. Die An 
gelegenheit schien damit er 
ledigt zu sein. Denn dem 
Großfürsten Konstantin war 
daran gelegen, daß das von 
ihm in Kongreßpolen orga 
nisierte und befehligte Heer 
„rein" dastehe, und Lukasinski 
war Offizier in diesem Heere 
rind gehörte dem 4. Regi 
ment an, dem Eliteregi 
ment, auf das Konstantin 
besonders stolz war. „Ich 
möchte nicht," — äußerte 
der Großfürst zu Lukasinski 
— „daß der Kaiser erfahre, 
daß dies im Heer und be 
sonders im 4. Regiment 
existiert habe." 
Aber bald sollte Lukasinski 
mit dem Großfürsten in 
Konflikt geraten. Ein Kriegs 
gericht, dem auch Lukasinski als Richter angehörte, hatte über 
ein Militärvergehen ein mildes Urteil gefällt. Großfürst 
Konstantin war mit dem Urteil unzufrieden, verlangte ein 
anderes, das eine „exemplarische" Bestrafung aussprechen 
sollte. Er war gewohnt, daß die Richter stets Urteile nach 
seinen: Sinne und nach seinem Willen abgaben, und er 
schrieb sogar meistens iin vorhinein den Richtern die Höhe 
der Strafe, auf die sie erkennen sollten, vor. In dem Fall, 
um den es sich handelte, wünschte der Großfürst die Zu- 
diktierung einer zehnjährigen, durch Ketten verschärften 
Strafe. Die anderen Richter, die dem Kriegsgericht 
angehörten, gehorchten, aber Lukasinski gab nicht nach. 
Wohl lautete das neue Urteil, wie es der Großfürst be 
fohlen hatte, auf zehn Jahre, dost) der Großfürst zürnte, 
daß das Urteil nicht einstimmig gefaßt worden war und 
daß Lukasinski für die exemplarische Bestrafung nicht 
gestimint hatte. (Wir werden dieselbe Willkür des Großfür 
sten in! Prozeß gegen Lukasinski sehen, nur daß der Richter 
y Skrzynecki nicht die Charakterfestigkeit Lukasiüskis besaß.) 
Lukasinski fiel bei dem Großfürsten in Ungnade. Er 
wurde zuerst — am 8. Dezember 1821 — vom Dienst 
suspendiert, auf halben Sold gesetzt und bald darauf 
einer Provinzgarnison zugeteilt. Außerdem wurde er 
unter Beobachtung gestellt. Zugleich ordnete der Groß 
fürst eine strenge Untersuchung gegen Lukasinski wegen 
Zugehörigkeit zu einem geheimen Freimaurerbund an. 
Die Untersuchung sollte ganz im geheimen geführt 
werden, damit man das Opfer leichter einfangen könne. 
Eine Untersuchungskommission wurde gebildet, sie be 
gann ihre Arbeit ganz nach den Methoden und unter 
der Führung von Rowosilcow. Rach langen Bemühungen 
und Schnüffeleien war es gelungen, ein von Lukasinski 
verfaßtes Schriftstück zu finden, die Beschreibung einer 
Zeremonie für die Einsetzung in den zweiten Grad des 
nationalen Freimaurerbundes. Endlich hatte man ein Do- 
kmnent gegen Lukasinski in den Händen. Lukasinski.wurde 
nach Warschau berufen und 
hier am 25. Otto b e r 1822 
verhaftet. 
Er war damals 36 Jahre 
alt, seine lebensläng 
liche Haft hatte begonnen. 
Daß sie s e eh s u n d v i e r - 
zig Jahre dauern sollte, 
sei vorausgeschickt. 
Lukasinski wurde zuerst 
in das Karmelitergefängnis 
in der Lesznogasse gebracht. 
Die Untersuchung gegen ihn 
schleppte sich hin, erst An 
fang Juni 1824 wurden er 
und die fünf Mitangeklag 
ten vor ein Kriegsgericht 
gestellt und den: Kriegs 
gericht wurde „für diesen 
Fall" noch ein Ausnahme 
recht eingeräumt, es sollte 
eine Berufung gegen sein 
Urteil nicht stattfinden kön 
nen. Dies war eine Un 
gesetzlichkeit, denn nur gegen 
das Urteil eines Landtags 
gerichts gab es keine Be 
rufung, aber was bedeutete 
die Beugung des Rechts, 
wenn man entschlossen war, es zu brechen. Die Verurtei 
lung Lukasinskis stand i m vorhinein fest. 
Er wurde am 14. Juni mit vier Stimmen gegen eine für- 
schuldig befunden und zu neun Jahren schweren 
Kerkers verurteilt. (Die Bestrafung und das Schicksal 
der Mitangeklagten muß hier unerörtert bleiben.) Der 
einzige Richter, der Lukasinski nicht für „schuldig" be 
funden und gegen seine Verurteilung gestimmt hatte, war 
der Oberst Johannes Skrzynecki. Der Vor 
sitzende des Kriegsgerichts legte das Urteil dem Groß 
fürsten vor. Als dieser aus dem Urteil ersah, daß dieses 
nicht einstimmig gefaßt wurde und wer der Votant 
gegen die Verurteilung und Bestrafung Lukasinskis war, 
ließ er schleunigst Skrzynecki zu sich kommen und befahl 
ihm, daß er noch nachträglich Lukasinski für schuldig er 
klären solle. Er brauche zwar für die Verurteilung 
Lukasinskis nicht die Stimme von Skrzynecki, denn nach 
dem die anderen Richter Lukasinskis Schuld bejaht hätten, 
stehe seine Bestrafung fest, aber er verlange, daß ein 
I 
Ordnung herrscht in Warschau 
Rach einer Lithographie von Jean 3. 3. ©tündniUe
	        
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