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Die sozialen und revolutionären Bewegungen Von der nationalen zur sozialen Revolution. Zur Geschichte der Aufstände und der Massenbewegung in Polen

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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Von der nationalen zur sozialen Devolution 
die Hemmungen waren »och zu stark, und der Fort 
schritt zu sehr begrenzt. 
Schon dadurch, daß man der Schlachtn alle früheren 
Vorrechte und Privilegien ohne Einschränkung (!) 
beließ (Artikel II), bestätigte man diese Kaste in der 
Ausnahmestellung, in der führenden, ausschlaggebenden 
Rolle. 
Und was das wichtigste war: die Bauern wurden 
von der Leibeigenschaft nicht befreit. Wohl wurde 
die Lage der Bauernschaft ein wenig gebessert, der 
Druck, unter dem der Bauer auch in Zukunft leben 
muhte, etwas gemildert, aber die gründliche Änderung, 
die notwendig — ja, man müßte meinen, selbst- 
verstündlich war — wurde nicht vollzogen. Die 
Schöpfer der Konstitution fühlten selbst, daß sie hier 
versagten, denn die Konstitution appelliert an das 
Gefühl des Gutsherrn, empfiehlt den Bauer dem 
Wohlwollen seines Besitzers. Braucht man erst zu be 
tonen, daß dieser Appell wirkungslos geblieben ist, 
mochten auch einzelne gnädig den Frondienst erleichtern, 
den Zins ermäßigen, dies änderte die Gcsamtlagc 
der Bauernschaft nicht: man bedenke, auf hundert Ein 
wohner kamen damals zweiundsiebzig Bauern, der 
Bauer als Klasse mußte weiter roboten. 
Aber das genügte der Schlachtn noch lange nicht, 
daß sie an der Staatskrippe weiter sitzen konnte, sie 
wollte auch an ihr allein sitzen. Schön war es, im 
Vollbesitz aller Rechte zu sein, „die goldene Freiheit" 
war beglückend, doch nur solange man die Rechte selbst 
genoß und unumschränkt über andere herrschen konnte. 
Diesen Herrenstandpunkt hatten die Schlachzizen damals 
und auch später. „Sagt doch" ruft ein polnischer 
Magnat in einem Drama von Stowacki aus „hat 
keiner von euch die himmlische Wollust empfunden? 
hat er sich nicht als ein höheres Wesen gefühlt, wenn 
ihn dch Bauern seines Dorfes wie einen Gott ver 
ehrten und mit tierischem Instinkt ihm die höhere Art 
der Natur zuerkannten? Irrsinnige sind es und Ver 
fluchte, die die Nachkommen um diesen Glanz bringen 
wollen, um dieses Erbe, das ein glückliches Los be 
schert, ein Glück, das in der Wiege beginnt und mit 
der Pracht marmorner Grabdenkmäler endet?" Da 
hörte aber die Schlachzizenherrlichkeit auf, wenn 
einem Bürgerkerl neue Rechte gegeben wurden, 
dekretierte man doch schon Gesetze, so daß ein Bauern 
lümmel dein Herrn nicht mehr zu Füßen wird fallen 
und ihin die Hand zu küssen brauchen. Das war Um 
sturz, diese Ideen kamen aus Paris, die Leute trugen 
schon die Jakobinermütze und rochen nach Blut. Man 
verlangte, daß der französische Gesandte Descorches 
Warschau verlassen solle, man setzte es durch. Rzewuski 
prophezeite dein König das Los Karls I.; init Lud 
wig XVI. zu schrecken, war zurzeit noch verfrüht. 
In der entscheidenden Sitzung am 3. Mai hatte man 
lärmend gegen das Projekt der Konstitution protestiert, 
der Abgeordnete Suchorzewski war vor dein König auf 
die Knie gefallen, zerriß die Kleider und jammerte, 
daß eine Revolution gemacht werde, die zum Unter 
gang Polens führen müsse. Er drohte, er werde sich 
und seinen jungen Sohn (den er iiiitgebracht hat) so 
fort töten, cs sei besser zu sterben, als unter der 
neuen Konstitution in Unehren zu leben. Es sind 
iinmer dieselben Begriffe und dieselben Gesten: Schmach, 
Tod, die verdorrte Hand. 
Noch in derselben Sitzung wurde in zweimaliger 
Lesung die Konstitution angenommen, der König leistete 
aus die Konstitution den Eid, die patriotische Partei 
hatte an diesem Tage gesiegt. Und doch waren 
die Vivats, die Umzüge, das feierliche „Te Deum", 
die Böllerschüsse und die Illumination umsonst. Man 
hatte zwar die Konstitution im Landtag votiert und in 
der Iohanniskirche beschworen, man hatte das liberum 
veto ausgemerzt und erklärt, daß jeder, der die Ver 
fassung verletzt, ein Feind des Vaterlandes und jeder, 
der gegen sie etwas unternimmt, ein Verräter und 
Rebell sei — die Gegner ließen sich nicht schrecken, 
die Magnaten waren gewohnt, stets aufs Ganze 511 
gehen und gegen das Ganze. 
Felix Potocki sammelt die Reaktionäre. InTargo- 
wica wird (am 14. Mai 1792) eine Konföderation 
gebildet, zu ihrem Generalmarschall Potocki ausgerufen, 
man erbittet, nachdem man sich vorher mit Katharina 
verständigt hatte, von Rußland militärische Hilfe. Die 
Targowitscher — unter ihnen taucht jener Suchvrzewski 
auf, der die Verfassungsschmach nicht überleben wollte 
(oh, „Rücksicht, die Elend läßt zu hohen Jahren kom 
men") — verlangen die Aufhebung der Konstitution 
vom 3. Mai, die Wiederherstellung der Gesetze, die 
umgestoßen worden sind, vor allem die Wiederein 
führung des üiberum veto. 
Zwei russische Armeen marschieren in Polen ein. 
Das polnische Heer zählt 45000 Soldaten, es wird 
beschlossen, die Armee auf hunderttausend Mann zu 
erhöhen (so stark waren die russischen Armeen, die 
einmarschiert sind), aber es bleibt beim Beschluß, denn 
es fehlt an Geld. Die Verhandlung mit Holland über 
eine Dreißig-Millionen-Anleihe zerschlägt sich. Fried 
rich Wilhelm II., der (Ende März 1790) mit Stanislas 
August einen Schuhvertrag abgeschlossen hatte und im 
Falle eines Angriffs verpflichtet war, Polen militärisch 
beizustehen, wird angerufen. Er erklärt, man habe sich 
wegen der Konstitution nicht mit ihm ins Einvernehmen 
gesetzt. Wenn er auch in Pillnitz mit den: österreichischen 
Leopold darin übereingekommen war, nichts gegen die 
polnische Konstitution zu unternehmen, für sie will er 
auch nicht das geringste tun. Denn dieser Vertrag 
von 1790, den der geschickte preußische Gesandte 
Lucchesini zustande gebracht, hatte nur den Zweck, das 
Bündnis, das Rußland mit Polen nach der ersten 
Teilung schließen wollte, zu verhindern. Den Kabi- 
nettskriegcn, die damals geführt wurden, ging eine 
Kabinettspolitik voraus, der jedes Mittel recht war. 
Man intrigierte, bot, überbot, versprach, hinterging; 
die Diplomaten hatten zu tun, und die Völker bluteten. 
Es ist lehrreich zu verfolgen, wie dieselben Mächte, die 
gemeinsam sich auf Polen gestürzt hatten, sofort nach 
der ersten Teilung es zum Freund und Bundesgenossen 
haben wollten, doch jede Macht für sich und jede gegen 
die andere. (Immer wiederholt sich dieses Spiel, nur 
der Versucher wechselt; um es gleich vorwegzunehmen, 
bis in unsere Tage wird diese Politik fortgesetzt — der 
Aufruf des Großfürsten Nikolaus, die Mittelmächte, 
zuletzt Frankreich — es hat sich kaum etwas geändert.) 
Was erklärte Buchholh im Namen seines Königs da 
mals nicht alles in Warschau, nachdem Katharina mit 
Stanislas August in Kaniow zusammengetroffen war, 
um ein Bündnis zu bespreche». Wie sehr ist Preußen 
bereit zu helfen, welche Hoffnungen versteht man zu 
wecken schon steht ein preußisches Korps an der 
Grenze und wird, wenn man es wünscht, marschieren —
	        
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