Path:
Die sozialen und revolutionären Bewegungen Die Entwicklung der revolutionären und sozialisitschen Bewegung in Rußland

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

184 
Die Entwicklung der revolutionären und sozialistischen Bewegung in Rußland 
der noch warmen Leichen heran und schleuderte gegen 
die Getöteten eine grobe, gemeine Verleumdung, als 
sei ihr Schritt nicht vom Verlangen nach Gerechtigkeit, 
sondern durch japanisches Geld veranlaßt worden. 
Angesichts der schrankenlosen Hekatombe, wie sie die 
Welt schon lange nicht gesehen hat, kam aus dem Munde 
des Heiligen Synods nicht ein Wort des Vorwurfs für 
die Henker, nicht ein Seufzer der Trauer um die Opfer 
— nur eine Verleumdung. Eine Verleumdung, die die 
Unterschrift des Synods angeblich im Namen der ganzen 
Kirche trug. Eine solche Kirche lehnt mein Gewissen ab." 
Die Geduld des gemarterten Volkes hatte ein Ende. 
Die Logik der Tatsachen hatte die Massen auf den Weg 
der Revolution gedrängt. Mit nicht zu überbietender 
Brutalität hatte die Regierung den Massen bewiesen, 
daß eine politische Befreiung aus friedlichem Wege nicht 
zu erreichen war. Dieser Umschwung in der Psycho 
logie der proletarischen Massen, den die Ereignisse des 
9./22. Januar verursacht hatten, leitete die Revolution 
in Rußland ein. 
Die Volksbewegung dieses historischen Tages fand 
einen machtvollen Widerhall bei der russischen Arbeiter 
klasse. Während der nachfolgenden Monate kam es in 
allen Industriestädten zu gewaltigen Streiks und Kund 
gebungen,' auf dem flachen Lande brachen Unruhen aus, 
und am 17./30. Oktober fand die Bewegung ihren Ab 
schluß durch einen gewaltigen Generalstreik, an dem sich 
die gesamte werktätige Bevölkerung des Landes betei 
ligte und in dem die Sozialdemokratie die führende 
Rolle innehatte. Gegenüber dem einmütigen Volks 
willen mußte die Regierung kapitulieren, und sie be 
quemte sich dazu, einige politische Freiheiten „zu ge 
währen" und die Einberufung des Parlaments, d. h. 
der Reichsduma, anzukündigen. Es ging in jenen Tagen 
eine solche Begeisterung durch das Volk, die Massen 
waren von einer solchen Entschlossenheit durchdrungen, 
einem solchen Siegcswillen beseelt, daß sich dem ge 
waltigen Eindruck jener Stimmung kaum jemand zu 
entziehen vermochte. Sogar in dem fernen Taschkent, 
der Hauptstadt Turkestans, hatten die Arbeitgeber, ge 
tragen von den ersten Wogen der Begeisterung, gemein 
same Sache mit den Arbeitern gemacht und waren in 
einen Sympathiestreik getreten. Und in Petersburg 
veröffentlichten sogar Spitzel eine Erklärung, in der sie 
davon zu überzeugen suchten, daß auch sie eigentlich 
seit jeher schon Sozialisten und Freunde der Freiheit 
gewesen wären. 
Die gewaltige Welle der Volksbewegung ebbte jedoch 
allmählich ab, die Sympathien bürgerlicher Kreise hatten 
sich verflüchtigt, die Klassengegensätze traten unvermeid 
lich zutage. Die Reaktion war inzwischen erstarkt und 
entwand dem Volke eine Errungenschaft nach der an 
deren. Auf der einen Seite ließ sie den weißen Schrecken 
wüten, auf der anderen führte sie Agrarreformen ein, 
die dem Interesse nur eines Teiles der Bauern dienten, 
wodurch die bezweckte Uneinigkeit in der Bauern 
bewegung erreicht wurde. Die Reaktion wußte, daß 
nur eine einige Bauernbewegung die Gewähr für eine 
siegreiche Revolution bilden konnte. 
Durch den Staatsstreich vom 3./16. Juni 1907 hob 
die gegenrevolutionäre Regierung Stolypin das Grund 
gesetz über die Reichsduma auf. Sie entzog gewaltigen 
Schichten der werktätigen Bevölkerung das Wahlrecht 
und bildete ein „Parlament", in dem der Adel die aus 
schlaggebende Rolle spielte. Da die Reaktion aus inner 
politischen und internationalen Gründen ihre Restau 
rierungspläne nicht voll verwirklichen konnte, beließ sie 
die Reichsduma, die nur noch äußerst beschränkte Rechte 
besaß. Es begann die Zeit des Scheinkonstitutionalismus, 
die über zehn Jahre währte. 
Noch einmal triumphierte die Reaktion — es war ihr 
letzter Sieg! 
Die Revolution von 1905 vermochte nicht, die poli 
tischen Ideale der russischen sozialistischen Parteien zu 
verwirklichen. Dennoch bildete sie eine bedeutsame Etappe 
auf dem Wege zu dem angestrebten Ziel. Die große 
historische Mission der Beseitigung des Zarismus fiel 
erst der Märzrevolution von 1917 zu. Mit diesem Jahre 
beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte Rußlands 
und im besonderen des russischen Sozialismus. 
Projekt für ein Denkmal äer Arbeit in Zowjet-Fkußlanck
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.