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Die sozialen und revolutionären Bewegungen Die Entwicklung der revolutionären und sozialisitschen Bewegung in Rußland

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

Die Entwicklung der revolutionären und sozialistischen Bewegung in Rußland 
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Die Befreiung äer Menschheit 
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So waren die Anhänger Bakunins z. B. der Ansicht, 
daß für Bauernputsche Propaganda gemacht und auf 
diese Weise ein allgemeiner Volksaufstand hervorgerufen 
werden müßte. Die Anhänger Lawrows bezweckten mit 
ihrer Propaganda eine allmähliche Neuerziehung des 
Volkes. Das Endziel jedoch war bei allen Revolutio 
nären das gleiche: die Verwirklichung des Sozialismus. 
Die Basis der sozialistischen Ordnung erblickten sie in der 
Bauerngemeinde. Nebenbei bemerkt, vertraten die 
Lehrmeister der russischen demokratischen Intelligenz 
Herzen und Tschernyscherrski die Ansicht, daß Rußland 
mit seiner gemeindlichen Bodenbewirtschaftung unter 
Umgehung des Kapitalismus zum Sozialismus ge 
langen könne. Unter Außerachtlassung der geschichtlichen 
Erfahrungen des Westens sowie der wirtschaftlichen Ent 
wicklung Rußlands nahm die russische Intelligenz diesen 
Gedanken mit Begeisterung auf, und dies um so mehr, 
als die politischen Revolutionen von 1789 und 1848 den 
Völkern keine wirtschaftliche Befreiung gebracht hatten. 
Es hatte daher keinen Zweck, so folgerten die russischen 
Sozialisten, im politischen Kampf die Zeit zu vergeuden: 
eine solche Tätigkeit sei im Gegenteil geradezu Verrat 
an der Sache des Volkes. Der Sozialismus allein müsse 
die unmittelbare Aufgabe eines Revolutionärs bilden. 
Indem diese Revolutionäre „unter das Volk" gingen, 
glaubten sie, es wäre ein leichtes, die soziale Revolution 
zu machen, und sie würde bald kommen. Einige erwar 
teten ihren Ausbruch schon in zwei bis drei Jahren. Die 
Wirklichkeit bereitete ihnen jedoch eine große Enttäu 
schung. Rur einzelne unter den Bauern zeigten sich der 
sozialistischen Propaganda zugänglich. In ihrer Masse 
erstrebten sie Ziele, die mit Sozialismus nichts gemein 
hatten. Der Bauer, der gern und aufmerksam den Aus 
führungen der Agitatoren über den Landmangel, die 
Steuerlasten, die Beamtenwillkür, die Ausbeutung durch 
den Gutsbesitzer zuhörte, verhielt sich den Idealen des 
Sozialismus gegenüber taub. Infolge feiner wirtschaft 
lichen Lage war der Bauer ein entschiedener kleinbürger 
licher Individualist. Alle erfahrenen Propagandisten 
bestätigten einmütig, daß es leichter wäre, den Bauern 
gegen den Zaren aufzubringen, als ihn davon zu über 
zeugen, daß das Privateigentum unnütz wäre. 
Man darf jedoch nicht glauben, daß das „Gehen unter 
das Volk" nichts als Mißerfolge brachte und daß es 
keinerlei positive Ergebnisse gezeitigt hätte. Einer der Ge 
schichtschreiber der russischen sozialistischen Bewegung, 
Professor Alfons Thun, bewertet die propagandistische 
Tätigkeit der russischen Revolutionäre wie folgt: „Wohl 
aber ist die Meinung eine richtige, daß die Resultate bei 
' weitem nicht den Opfern entsprochen haben. Die Opfer 
waren zahlreich und schwer, die direkten Erfolge sehr 
gering. Indes, ganz ohne Spuren ist die Propaganda 
doch nicht geblieben. Die sozialistischen Ideen erhielten 
sich in zahlreichen Fällen bei den Bauern in Gestalt einer 
Bestätigung ihrer eigenen Wünsche... Ferner sehen 
wir mehrere Bauern und Arbeiter vor Gericht mit Be 
geisterung ihre sozialistischen Ansichten bekennen. Die 
sozialistischen Vereine hatten mehrere Arbeiter zu Mit 
gliedern; ja, es bestanden sogar einige reine Arbeiter 
bünde, z. B. in Odessa... Endlich waren auf dem 
Lande doch immerhin einige Stützpunkte für eine weitere 
Tätigkeit gewonnen. Die propagandistische Bewegung 
hat tiefer als jede frühere Verschwörung im Volke 
Wurzeln gefaßt und den Grund zur kommenden re 
volutionären Partei gelegt. Die knabenhafte Absicht, 
sofort eine sozialistische Volkspartei zu schaffen, ist 
natürlich nicht erreicht worden." (Siehe Geschichte der 
revolutionären Bewegung in Rußland, Leipzig 1883, 
S. 107.) 
Mit diesen Worten kennzeichnet ein gemäßigt Liberaler, 
der nicht geneigt war, die revolutionäre Tätigkeit der 
russischen Intelligenz zu überschätzen, die Resultate der 
sozialistischen Tätigkeit in den Jahren 1873—74 treffend. 
Daß die Ergebnisse der Sachlage entsprachen, bekundet 
ein so kompetenter Zeuge wie Plechanow. Rach ihm 
hatte die revolutionäre Tätigkeit der nächsten Periode 
1873—1878 gleiche Erfolge aufzuweisen. In diesen 
Jahren fanden die sozialistischen Ideen weitere Ver 
breitung in den Köpfen einzelner Bauern, während die 
Arbeiterbewegung durch ihr rasches Anwachsen selbst 
die Erwartungen der revolutionären Intelligenz übertraf, 
wie das Organ der revolutionären Rarodniki „Semlja i 
Wolja" („Land und Freiheit") dies zum Ausdruck 
brachte. 
6. Die revolutionären Rarodniki, „Semlja i Wolja", „Rarodnaja Wolja", die 
Parteien Tschreny-Pevedel 
Die Mißerfolge der propagandistischen Tätigkeit im 
Dorf und die grausamen Repressalien der Regierung ver 
anlaßten zahlreiche, unabhängig voneinander bestehende 
sozialistische Kreise, ihr Programm und ihre Taktik zu 
revidieren und sich zu gemeinsamer zentralisierter Tätig 
keit zu vereinigen. Rach den Unterhandlungen, die sich 
fast zwei Jahre hinzogen, wurde Ende 1876 die Organi 
sation „Semlja i Wolja" geschaffen. Diese Fassung ent 
sprach den Idealen, die das Volk selbst sich gebildet und 
die sich die russische vorgeschrittene Demokratie 1861 
bereits zu eigen gemacht hatte. Diese Gesellschaft, die 
sich um das neue Banner scharte, nannte sich „Rarodniki" 
(vom Worte „Rarod", „das Volk"). 1878—1879 gab 
sie ein eigenes Organ gleichen Namens heraus. Diese 
Organisation spielte i» der russischen revolutionären Be 
wegung eine große Rolle und war in revolutionären 
Kreisen außerordentlich populär. Ihr nächstes Ziel war 
eine Agrarrevolution mit dem Endzweck einer allge 
meinen Umteilung des Bodens. Demzufolge wurde es 
für notwendig erachtet, die Hauptkräfte der Organisation 
im Dorf zu konzentrieren, „zum Zwecke der Agitation 
aus dem Boden der vorerwähnten Forderungen einer 
Aufteilung des Bodens und einer Organisation der revo 
lutionären Volkskräfte". Die Propaganda unter den 
Arbeitern und unter der städtischen Jugend wurde für 
eine weniger wichtige Aufgabe der Gesellschaft erklärt. 
Die Bildung einer „klassenbewußten Minderheit" in 
Stadt und Dorf und die sozialistische Propaganda wur 
den für zulässig erklärt. Zu den Agitationsmitteln in 
Ortschaften, wo die Unzufriedenheit des Volkes einen 
besonders scharfen Charakter annahm, gehörte die „Ter 
rorisierung" der Regierungsbeamten, Gutsbesitzer, Wu 
cherer, Fabrikanten usw., d. h. der politische und wirt 
schaftliche Terror. Jedoch, so hieß es im Programm, 
„die Gesellschaft Semlja i Wolja erkennt an, daß die Ein 
stellung auch nur ihrer wichtigsten Kräfte auf den Terror,
	        
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