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Die sozialen und revolutionären Bewegungen Die Entwicklung der revolutionären und sozialisitschen Bewegung in Rußland

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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Die Entwicklung der revolutionären und sozialistischen Bewegung in Rußland 
schulen gefördert wurden, bildeten daher den einzigen 
Ausdruck der in der Gesellschaft herrschenden Unzufrieden 
heit. Ihrer sozialen Stellung nach entstammten die Stu 
denten der 60 er und 70 er Jahre hauptsächlich den ge 
bildeten Schichten des Adels. Diese Kreise hatten er 
kannt, daß das Leben nach 186t neue Rechtsgrundsätze 
im Staatswesen forderte und daß die Innenpolitik Alex 
anders II. katastrophale Folgen für das Reich haben würde. 
Die adlige Intelligenz, der durch den Absolutismus jeder 
Einfluß auf die Politik des Staates genommen war, 
wendete ihre Blicke dem „kleineren Bruder" zu. Die 
Arena der russischen Öffentlichkeit betrat der sogenannte 
„beichtende Edelmann", der von der Pflicht, „die Schuld 
an das Volk abzutragen", zu reden begann. 
Die Repres 
salien der Re 
gierung gegen 
über den Stu 
denten erwie 
sen sich als ein 
gutes Mittel, 
nicht zur Wie 
derherstellung 
von Ruhe und 
Ordnung in 
den Universi 
täten, sondern 
zur Verbrei 
tung der re 
volutionären 
Propaganda in 
den verschiede 
nen Teilen des 
Landes. Die 
von der Uni 
versität aus 
geschlossenen 
Studenten, die 
oftmals für im 
mer die Mög 
lichkeit ver 
loren, eine per 
sönliche oder 
gesellschaftliche 
Karriere zu machen, waren unzufrieden und erbittert, 
kamen so gestimmt in den Heimats- oder den Verban 
nungsort und nahmen sofort die revolutionäre Propa 
ganda innerhalb der Gesellschaft, insbesondere unter der 
lernenden Jugend, aus. Als Material für die regie 
rungsfeindliche Agitation diente ihnen die empörende 
Polizistenpolitik der Autokratie. Somit sorgte die Re 
gierung selbst für die Heranbildung einer Kerntruppe von 
Revolutionären. Es fehlte nur noch ein klar umrissenes 
Programm. Der idealistischen Jugend, die danach lechzte, 
dem Volke dienen zu können, dessen Leiden Schrift 
steller, wie Uspeüski, Reschetnikow, Lewitow, Raumow 
u. a. m., in so düsteren und trostlosen Farben schilderten, 
mußte nur der Weg gewiesen werden. Unter den 
Männern, die sich dieser Ausgabe gewidmet hatten, 
ragten durch ihren Einfluß auf die Verbreitung revolu 
tionärer sozialistischer Ideen Herzen, Tschernyschewski 
und Dobroljubow besonders hervor. 
* * 
* 
Rach dem Zusammenbruch des Rikolaischen Regimes, 
als die Vorarbeiten für die Agrarreform in Angriff ge 
nommen wurden, machte sich in Rußland besonders stark 
das Bedürfnis nach einer freien, unabhängigen Presse 
fühlbar. Probleme von historischer Bedeutung hatte das 
Leben in den Vordergrund gerückt. Man wollte sich zu 
ihnen äußern, auf die Lösung der aufgeworfenen Fragen 
Einfluß gewinnen. Statt dessen mußte selbst damals, 
in den Jahren 1855—1858, als einige Fesseln fielen, die 
Presse ein kümmerliches Dasein fristen. Anfang 1858 
wurde ihr gestattet, sich mit der Frage der Bauernbe 
freiung zu befassen. Als sie jedoch sich nicht nur aus Lob 
gesänge beschränkte, sondern auch an den „wohlmeinenden 
Absichten der Reformatoren" Kritik zu üben wagte und 
ihre eigenen Ansichten zu entwickeln versuchte, schritt 
die Regierung sofort mit Repressalien ein. Alexander II. 
selber hatte ei 
ne sehr eigen 
tümliche Auf 
fassung von 
der öffent 
lichen Mei 
nung. „Essind 
Bestrebungen 
vorhanden," 
sagte er einmal 
zu einem Ver 
treter der Zen 
surbehörde, 
„die mit den 
Absichten der 
Regierung 
nicht in Ein 
klang stehen. 
Man muß sie 
verhindern. 
Ich wünsche 
aber nicht, 
daß irgend 
welche .Be 
schränkungen 
derMeinungs- 
äußerung er 
folgen." (Me 
moiren und 
Tagebuch von 
Mkitenko, Band II, S. 127 und 141.) Der innere Wider 
spruch einer solchen Formulierung liegt auf der Hand. 
In der Praxis erwies sie sich als hohle Phrase. Die 
unabhängige öffentliche Meinung wurde von der Re 
gierung unnachsichtlich verfolgt. 
Einem dringenden Bedürfnis der vorgeschrittenen 
Kreise der russischen Gesellschaft entgegenkommend, grün 
dete Herzen in London eine „freie russische Druckerei" und 
die Zeitung „Kolokol" („Die Glocke"). In den ersten 
Jahren seines Bestehens war dieses Blatt ein Organ des 
russischen Liberalismus. Das in der ersten Nummer vom 
I. Juli 1857 veröffentlichte Programm der Zeitung um 
faßte drei Punkte: Befreiung des Wortes von der Zensur, 
Befreiung der steuerpflichtigen Stände von der Willkür, 
Befreiung der Bauern von den Gutsbesitzern. Den 
Mittelpunkt des Programms bildete die Bauernfrage; 
Herzen forderte damals nicht einmal eine Beschränkung 
der Selbstherrschaft. Den Erlaß Alexanders II. über die 
einzuleitenden Vorarbeiten zur Aufhebung der Leib 
eigenschaft begrüßte Herzen in überschwenglichen Worten. 
Später nahm er unter der Einwirkung der reaktionären 
Hinrichtung russischer Nihilisten 
Nach dem Gemälde dou Wassil Wassiljewüsch Wereschtschagin
	        
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