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Die sozialen und revolutionären Bewegungen Die Entwicklung der revolutionären und sozialisitschen Bewegung in Rußland

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

Die Entwicklung der revolutionären und sozialistischen Bewegung in Rußland 
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anderen absoluten Herrscher stellten den russischen Kaiser 
an die Spitze der „heiligen Allianz". Gemäß seiner 
religiösen und mystischen Anschauungen gelangte er zu 
der Aberzeugung, daß Gott ihn für die Aufrechterhaltung 
der Ordnung in Europa bestimmt hätte. Der Glaube 
an diese seine „historische Mission" ließ Alexander l. auch 
die Politik im Innern des Reiches ausschließlich vom 
Standpunkte des beschränkten Polizistenverstandes aus 
betrachten. Er umgab sich mit Dunkelmännern wie 
Araktschejew, Magmtzki, Erzbischof Photius und Schisch- 
kow. Hauptberater und 
Freund des Zaren 
wurde ein stumpfsin 
niger und grausamer 
Hofmann, der vor 
erwähnte Araktschejew, 
dem die ganze Staats 
leitung restlos über 
tragen wurde. Dieser 
Diktator, der es sich 
zum Ziel gesetzt hatte, 
alle Seiten des Volks 
lebens zu militarisie 
ren, nahm durch Ver 
pflanzung militärischer 
Siedelungen grauen 
erregende Experimente 
mit der Bevölkerung 
vor. Araktschejews Mit 
kämpfer Magnihki ord 
nete an, daß die Wissen 
schaften unter Zu 
grundelegung der Hei 
ligen Schrift an den 
Universitäten gelehrt 
würden. Die Univer 
sität Kasan war in ein 
Kloster verwandelt wor 
den. Jeder Student, 
der sich etwas hatte zu 
schulden kommen lassen, 
muhte das Leben eines 
Novizen führen: er 
wurde in einen Bauernrock gesteckt, mußte Bastschuhe 
tragen, kam i» ein eisenvergittertes Zimmer, wo an den 
Wänden Bilder vom Jüngsten Gericht angebracht waren. 
Alle Studenten waren verpflichtet, für den Sünder zu 
beten usw. Unter' anderen wurde der Professor der 
Kasaner Universität Ssolnzew dem Gericht übergeben und 
„für immer der Professur entkleidet", weil er die Grund 
sätze des natürlichen Rechtes ans dem gesunden Menschen 
verstand und „nicht aus den: Evangelium herleitete". 
Elf Professoren derselben Univer 
sität, die für die Unabhängigkeit der 
Universitätswissenschaften eintraten, 
wurden gleichfalls von Magnihki 
ihres Amtes enthoben. Jede öffent 
liche Wirksamkeit war strengstens 
untersagt. Ganz abgesehen von den 
Bauern, die unter dem Joche der 
Leibeigenschaft seufzten, hatten nicht 
einmal die städtischen Stände die 
Möglichkeit, sich zu der Innen 
politik Araktschejews zu äußern. 
Unter solchen Umständen, da keiner 
lei Hoffnung bestand, Reformen auf gesetzlichem Wege 
durchzusetzen, erscheint es nur natürlich, daß geheime 
politische Organisationen erstanden. Die gebildeten Kreise 
des Landes griffen damit zu dem einzigen Mittel, die 
gesellschaftlichen Kräfte zusammenzufassen. 
Es versteht sich von selbst, daß die Regierung Alex 
anders I. die geheime politische Propaganda energisch 
verfolgte. 1821 wurde die Bildung einer Militärpolizei 
beim Gardckorps verfügt, am l. August 1822 befahl 
der Zar die Schließung der Freimaurerlogen, wie über 
haupt sämtlicher ge 
heimen Organisationen. 
Gleichzeitig mußten 
alle Staatsbeamten die 
schriftliche Versicherung 
abgeben, daß sie keiner 
Geheimorganisation 
angehörten. Alle diese 
Maßnahmen konnten 
jedoch das Erstarken der 
Geheimverbände nicht 
aufhalten. 
Als Ursprung der ge 
heimen Organisation 
der späteren Dekabristen 
muß, wie gesagt, for 
mell der „Rettungs 
bund" gelten, der sich 
seit 1818 „Wohlfahrts 
bund" nannte. Die An 
regung, diesen Bund 
zu organisieren, war von 
zwei Offizieren, den 
Brüdern Murawjew, 
ausgegangen, die dem 
Hauptquartier der 2. Ar 
mee in Tuljtschin an 
gehörten. Die hervor 
ragendste Persönlichkeit 
und die Seele des 
Bundes bildete der 
Oberst P. P e st e l, der 
bem Hauptquartier des 
Generals Witgenstein zugeteilt war, bedeutende Kennt 
nisse auf dem Gebiete des sozialen und politischen Wissens 
besaß und sich durch hervorragende organisatorische Fähig 
keiten auszeichnete. Pestel war es, der den anfänglich 
unklaren Bestrebungen konkreten Charakter verlieh und auf 
ein klares Ziel lossteuerte. Meinungsverschiedenheiten 
zwischen den Mitgliedern des Wohlfahrtsbundcs über die 
Art seiner Tätigkeit führte Anfang 1821 zu seiner Auf 
lösung, oder richtiger gesagt, zu seiner Umorganisierung. 
Auf Anregung von Pestel und sei 
nen Freunden wurde in Tuljtschin 
eine neue Gesellschaft, der „Bund 
des Südens" gegründet, an dessen 
Spitze außer Pestel Iuschnewski und 
R. Murawjew traten. Der Bund 
des Südens erhielt von Anfang 
an einen bestimmten revolutionären 
Charakter. Pestel, der damals un 
geheuren Einfluß besaß, trat für eine 
radikale Änderung der russischen 
Staats- und Gesellschaftsordnung 
auf republikanischer und sozialistischer 
Sin Tor äer Peter-pauls-Festung 
Der Transporr nach Sibirien 
Nach einer Zeichnung von Gustave Dorö
	        
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