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Die sozialen und revolutionären Bewegungen Die revolutionären Bewegungen der Jahre 1848/49

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

Die revolutionärer! Bewegungen der Jahre 1848/49 
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Nach einem berühmten Buche von Haller hat die Zeit 
nach 1815 den Namen Nestaurationszeit erhalten. Sie 
wollte in der Tat die Welt des 18. Jahrhunderts wieder 
herstellen, jene Welt der privilegierten Stände, der aristo 
kratischen Organisation, des genossenschaftlichen Auf 
baues, jene Welt, in der sich schließlich das absolute 
Fürstentum mit seiner einheitlichen und weltlichen Macht 
konzentration seinen Hauptgegner, seinen Haupthelfer 
und seinen Erben großzog: das Bürgertum. In dem 
Bürgertum ist dann der Geist der Aufklärung lebendig 
dem schließlich alle Staaten, außer England, dem Papst 
und dem Sultan beitraten, ein Werkzeug der Reaktion. 
Die heilige Allianz hat auf einer Anzahl von internatio 
nalen Kongressen ihre Prinzipien von fürstlicher Legitimi 
tät gegenüber den Wünschen der Volker in höchst ener 
gischer Weise durchgesetzt und sich aller brutalen Macht 
mittel absolutistischer Herkunft reichlich bedient. Vis zum 
Jahre 1848 ist der Lenker ihrer Politik Fürst Metternich 
gewesen, der sich mit Recht als Regent Europas fühlen 
durfte: ein rheinisches Weltkind, durchaus Geschöpf des 
Lin Totentanz aus äcm Halire 1848 
Viertes Blatt 
Nach einem Holzschnitt von Alfreä Nethel 
geworden, aus dem alle Revolutionen des 19. Jahr 
hunderts auch wieder entsprungen sind: der Geist der 
Kritik, der Geist der Doktrin, die Selbstherrlichkeit der 
Vernunft, die eine gesunde Respektlosigkeit vor allem 
historisch Gewordenen besitzt. Die geltenden Rechte wer 
den angesichts der tatsächlichen Entwicklung sinnlos, der 
klassische Begriff, die Regel der Vernunft soll herrschen 
und eine neue Welt gestalten. Der revolutionäre Geist 
von 1789 war universal; sein Antipode, der Geist der 
heiligen Allianz von 1816 ist es in seiner Weise auch. 
Aber dem Weltreich Napoleons wird der Weltbund der 
Fürsten, dem aufklärerischen Nationalismus die christliche 
Verbrüderungsidee gegenübergestellt. Die Revolution 
sollte im Zaum gehalten, Frankreich, das Land der Revo 
lution, sollte beaufsichtigt werden. Wie Familienväter 
sollten die Herrscher über ihren Völkern walten. Es ist 
kein Zweifel, daß die Grundideen der heiligen Allianz 
einer sehr hohen Auffassung von Staatsdingen ent 
sprangen. In der Praxis wurde dieser europäische Bund, 
18. Jahrhunderts, frivol und kirchlich zugleich, ein be 
zaubernder und graziöser Diplomat, ohne tiefe Ideen, 
aber begabt mit einer feinen Klugheit, die alles meisterte. 
Mit einer Gewaltnatur wie Bismarck darf man ihn nicht 
vergleichen: er ist ein Weltmann von glatter Gelecktheit, 
der zum Träger eines höchst verhängnisvollen Systems 
vor allem als österreichischer Staatsmann wurde, als 
Lenker eines Staatsorganisinus, der eben keine natio 
nalen und liberalen Bewegungen dulden konnte, weil sie 
tödlich für ihn waren. Metternich hat seinen Staat ver 
körpert — für Deutschland war dieses Ruhebedürfnis, diese 
Bevormundung und diese Unterjochung alles Lebendigen 
furchtbar. Die Nestaurationszeit ist eine Feit bleierner Mat 
tigkeit, in der jene Generation ganz langsam aus der Ar 
mut und der Erschöpfung herauszukommen versuchte. Ge 
wiß hat die heilige Allianz den Frieden erhalten; aber dieser 
Friede der geistigen Versumpfung war ja kein echter Friede 
schöpferischer Kraft, und der latente Bürgerkrieg zwischen 
Polizei undDemagogen war schlimmer als eineFeldschlacht.
	        
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