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Die sozialen und revolutionären Bewegungen Die französische Revolution

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

so 
Die Französische Devolution 
Miserere mei populus secondum magnum misericordiam 
tuam, mea culpa — mea culpa — mea maxima culpa 
Nach einem zeitgenössischen satirischen Ztich 
bestehenden Ordnung gleich zu Anfang, schon in dem 
Augenblick ein, wo das Volk seinen großen Sieg über 
die gelähmte königliche Militärmacht davongetragen hat. 
Die spontane, von bürgerlichen Enthusiasten wie Des- 
moulins mitgemachte Volksbewaffnung wird in das 
fast ebensosehr reaktionäre wie liberale Polizeiinstitut 
der bürgerlichen „Na 
tionalgarden" umgebo 
gen; eines Instruments, 
das dem Volk, von 
Ausnahmen abgesehen, 
schon infolge der absicht 
lich sehr hohen Aus 
rüstungskosten unzu 
gänglich ist, ebenso wie 
infolge des habilen Auf- 
nahmeverfahrens — das 
aber sehr bald direkt 
gegen das Volk verwen 
det wird — dessen An 
sammlungen zu zer 
streuen, bald die vor 
nehmste Ausgabe der, 
durch eben diese An 
sammlungen ins Leben 
gerufenen, „National"- 
(Volks-l)wache ist. So wird u. a. 1790 das Palais Royal 
mit seinen Galerien, der Mittelpunkt des revolutionären 
Ausschwärmens, unzugänglich gemacht; die bürgerlichen 
Patrouillen regieren wie in einem veritablen Be 
lagerungszustand ; „der P a t r o u i l l i t i s m u s", so hieß 
es damals, „jagte und vertrieb überall den Patriotismus". 
Die revolutionäre, in den Bastillen 
tagen von den Wählerdistrikten ein 
gesetzte Pariser Stadtverwaltung 
(die spätere „Kommune") lähmte 
sehr bald die Organisationen, aus 
denen sie selbst hervorgegangen 
war, durch das Verbot, sich 
weiterhin aus eigener, nicht be 
hördlicher, Initiative zu versam 
meln! „Bis hierher und nicht 
weiter!", so lautete das Macht 
wort der Bourgeoisie bereits in 
den Wochen des ersten liberalen 
Enthusiasmus, und während man 
die Menschenrechte und Bürger 
rechte feststellte, legte man größ 
ten Wert daraus, das Privat 
eigentum zum Hauptausfluh der 
sozialen Persönlichkeit zu machen. 
Man half sich durch einen in sei 
ner Grobheit gleichwohl kaum über- 
sehlichen Trugschluß, indem man 
jedermann ein Recht aus „s e i n" 
Eigentum zuerkannte, während doch 
offenbar gerade in dem Possessivum „sein" schon das 
Recht vorausgesetzt war, das man in der bestehenden 
Willkür und Exzessivität vergeblich aus dem Gesellschafts 
vertrag abzuleiten versucht hätte; mit derselben petitio 
principii ließ sich ja auch der Absolutismus wie alles positiv 
Gesetzte überhaupt „recht"fertigen. 
So besorgte schon mit dem Bastillensturm das Volk 
einige Geschäfte seines neuen Herrn, des Bourgeois, den 
es nur in den Sattel heben muhte, zu reiten verstand er 
schon von selber. Trotzdem ist dieser Tag der erste 
große Entscheidungstag der Freiheit gewesen. Das Volk 
setzte zum erstenmal einen bisherigen Herrn, den Abso 
lutismus, ab und allerdings zugleich einen neuen Herrn 
ein. Es war ein neuer Gesellschaftsvertrag, 
der geschlossen wurde, ein Löwenvertrag für das besitzende 
und gebildete Bürger 
tum. Indessen war das 
Bürgertum innerhalb 
dieses ihm vorteilhaften 
Vertrags ehrlich. Vom 
Sommer 1789 bis zum 
Frühjahr 1790 wurden 
nach den Grund- und 
Menschenrechten noch 
die politischen Funda 
mente der neuen libe 
ralen Gesellschaft gelegt; 
im August in der be 
rühmten „Augustnacht", 
aus Initiative der libe 
ralen Adelspartei die 
Feudallasten formell 
(allerdings auf lange 
bloß formell) aufgeho 
ben, für ablösbar er- 
Teil gegen hohe Ent- 
in der Dauphine und 
die belastenden Doku- 
Wahlspruch äer französischen Republik: 
Einheit unä Anleilbarkeil der Republik 
klärt, und zwar zum größten 
schädigung — während draußen 
anderswo die Schlösser und 
mente ohne Entschädigung verbrannten. Im Novem 
ber wurde nach langen interessanten Debatten das 
Kirchengut vom Staat eingezogen durch eine, eigentlich 
eine in Krisen seit dem Alter 
tum geübte fränkische Maßnahme; 
der Staat übernahm jedoch dies 
mal die Verpflichtung, für den 
Lebensunterhalt der Priester zu 
sorgen, woraus er dann aller 
dings den sehr falschen Schluß 
zog, die Priester als seine bezahl 
ten sMirabeau sagte einmal („sa- 
larie“)] Funktionäre anzusehen, 
von denen er dann den Eid des 
Gehorsams fordern zu dürfen 
meinte. So bereitete sich aus 
einem falschen Gesellschaftsbegrisf 
der für die Revolution selbst nicht 
ungefährliche Kamps zwischen 
der geistlichen und der 
weltlichen Herrschaft vor, 
ein Kampf, der wenigstens nach 
Rousseaus Grundsätzen einiger 
maßen vermeidlich war und den 
der Rousseauaner Robespierre 
auf dem Gipfel der staatlichen All 
macht auch tatsächlich vermieden 
hat. Kurz darauf wurden — was weit logischer war 
— die Klostergelübde vor dem staatlichen Forum für 
unverbindlich erklärt, und dies bedeutete ebenso tat 
sächlich die Nichteinmischung des Staates in die Reli 
gion, wie die spätere „Fivilverfassung" des Klerus ein 
schließlich seiner direkten Wählbarkeit durch die Ge 
meinden nach ihrer politischen, nicht kirchlichen, Kon 
stitution — die Einmischung bedeutete. 
Im Herbst kamen noch die großen, eigentlich po-
	        
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