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Die sozialen und revolutionären Bewegungen Freiheitskämpfe und Freiheitsideen der englischen Revolutionszeit

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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Freiheitskämpfe und Freiheitsideen der englischen Revolutionszeit 
Hauses zusammenstoßen, die inehr oder weniger mit puri 
tanischen Ausfassungen erfüllt und deshalb in Jakobs Au 
gen ein Puritanergesindel, jedenfalls aber von der Not- 
wendigkeit durchdrungen war, der königlichen Prärogative 
rechtliche Schranket! zu ziehen und die lange Reihe der Be 
schwerden durch auch für die Krone verbindliche Gesetze zu 
beseitigen. Unter diesen Umständen konnte es an Konflik 
ten sowohl aus Fragen der Theorie, wie aus solchen der 
Praxis nicht fehlen. Tatsächlich ist die ganze Parlaments 
geschichte der Zeit Jakobs I. eine Kette von Konflikten, 
die gewöhnlich mit der Auflösung oder wenigstens plötz 
lichem Heimschicken auf unbestimmte Zeit endigten und 
zur Inhaftierung von mißliebigen Abgeordneten, aber 
auch zur Prozessierung von Ministern führten. 
Von königlichen Willkürakten erregten besonders großes 
Mißvergnügen derartige Verfügungen, wie Einführung 
eines neuen Zolltarifs mit höheren Sähen und zahlloser 
Monopole. Dadurch wurde nicht nur das in rascher Vor 
wärtsentwicklung begriffene kommerzielle und gewerb 
liche Leben schwer gestört, sondern außerdem das par 
lamentarische Geldbewilligungsrecht verletzt, das bei der 
chronischen Finanzmisere des Königs für das Unterhaus 
als Haupthebel zur Durchsetzung seiner Reformbestre 
bungen in Betracht kam. Im Jahre 1610 schien cs einmal 
beinahe, als wenn König und Parlament über ein 
Handelsgeschäft einig werden wollten. Durch den so 
genannten großen Kontrakt wollte man Jakob für eine 
dauernde Iahreseinnahme die ganze Feudalverfassung 
abkaufen. Schließlich zerschlug sich der Handel aber, weil 
die Gemeinen für ihr gutes Geld zu wenig oder auch gar 
nichts zu kriegen fürchteten. Perfekt wurde dagegen 1624 
ein Gesetz gegen die Monopole. Im Zusammenhang mit 
der Monopolfrage wurden interessante Debatten über 
die allgemeinen Fragen der Handels- und Gewerbepolitik 
gepflogen. Gegenüber dem Privilegienwesen auf dem 
Gebiet von Handel und Gewerbe machte sich stark das 
Verlangen nach Handels- und Gewerbefreiheit geltend. 
Dabei berief man sich darauf, daß es ein natürliches Recht 
aller Menschen sei, zu handeln, wo man Lust habe. Wie 
bei der wirtschaftlichen Freiheit, so trat auch bei dem 
Verlangen nach politischer Freiheit das Naturrccht unter 
Absehen von theologischen Argumenten schon hervor. 
Aus den Debatten von 1614, die das Verhältnis zur 
Krone angehen, ist besonders bemerkenswert die natur- 
rechtliche Beweisführung des Abgeordneten Sandys. Er 
führte den letzten Ursprung aller Monarchie nicht auf erb 
liches Recht, sondern aus Wahl zurück. Die Autorität des 
Königtums sei auf die Zustimmung des Volkes zu be 
gründen und setze die Einhaltung gegenseitiger Bedin 
gungen zwischen König und Volk voraus. Ein König, 
der seine Herrschaft auf eine andere Grundlage zurück 
führe, könne abgesetzt werden. Hier tauchten die Lehren 
von der Volkssouveränität und vom Eesellschastsvertrag 
auf, welch letztere man gewöhnlich als zuerst durch Hugo 
Groting 1625 vertreten bezeichnet; sic ist aber schon bei 
einem anderen Niederdeutschen Althusius, vor Ende des 
16. Jahrhunderts zu finden. Sandys war aber auch nicht 
der erste englische Vertreter solcher Anschauungen. Außer 
Duchanan hat er offenbar den anglikanischen Theologen 
Hooker benutzt, der in den allgemeinen theoretischen 
Ausführungen seines großen Werkes über Kirchen 
verfassung (1593) nicht auf theologischen, scndern natur- 
rechtlichen Beweisgründen fußt und die ursprüngliche 
Entstehung bürgerlicher Regierung auf allgemeine Zu 
stimmung basiert, aus „bedachtsame Überlegung» Berat 
schlagung und Einigung, zwischen Menschen". Da liegt 
auch der Anfang der für die bürgerlichen Freiheits 
bewegungen in England und aller Welt so bedeutungs 
voll gewordenen Lehre vom Gefellschaftsvertrag vor, 
ohne daß freilich Hooker revolutionäre Konsequenzen 
hätte ziehen wollen, wie sie sich schon bei Sandys finden. 
Solche Reden, wie dieser eine hielt, waren für Jakob 
ein Verbrechen. Wie ihm in solchen Fällen zumute war, 
zeigt am besten der Fall aus dem Jahr 1621, als das 
Unterhaus gegenüber einem königlichen Angriff auf die 
Redefreiheit der Abgeordneten einen feierlichen Protest 
ins Protokoll eintragen ließ, der die Immunität der 
Parlamentsmitglieder daraus begründete, daß die Frei 
heiten des Parlaments unbezweifelbar angeborenes Recht 
der Engländer seien. Der König zerriß diese Erklärung 
höchsteigenhändig. Die angeborenen Menschenrechte, das 
war ein freventliches Attentat auf das göttliche Recht, 
das Jakob bis an sein Lebensende für die Krone in An 
spruch genommen hat. 
Blieb die Praxis auch noch beträchtlich hinter der 
Theorie zurück, so war doch genug geschehen, um Freiheit 
und Eigentum durch absolutistische Bestrebungen ge 
fährdet erscheinen zu lassen. Damit wurde es unter dem 
nächsten König, Karl I. (1625 ff.) schlimmer als je. Gleich 
zeitig wurde aber auch die Gegenwirkung aus der Nation 
immer stärker, hervorgehend aus der sich stetig ausbrei 
tenden Überzeugung, daß die Prärogative der Krone 
nicht allein an weiterem Umsichgreifen verhindert, son 
dern vielmehr eingeschränkt werden müsse, um mit den 
Bedürfnissen des Landes verträglich zu bleiben. In 
diesem Sinne zu handeln, waren die drei Parlamente 
entschlossen, die Karl I. in den ersten vier Jahren feiner 
Regierung verbrauchte. Sie wurden eines nach den, 
andern aufgelöst, weil sie nicht gehorsam dem Zwecke 
dienen wollten, Karl das sehr nötige Kleingeld zu Füßen 
zu legen. Anstatt dessen machten sie Geldbewilligungen 
vcn der vorherigen Abstellung ihrer Beschwerden ab 
hängig, die sich vor allem darum drehten, daß Abgaben 
ohne parlamentarische Bewilligung eingetrieben worden 
waren und willkürliche Einkerkerungen unbotmäßiger 
Personen stattgefunden hatten. Im Jahre 1628 hatte 
sich Karl zu einer Konzession an das Verlangen der Ge- 
ineinen nach einem Gesetz zur Sicherung des Privat 
eigentums und der persönlichen Freiheit verstehen müssen. 
Er brauchte nämlich hochnötig Geld. So bekam des 
Unterhauses „Bitte um Recht" („Petition ot right") durch 
des Königs Zustimmung Gesetzeskraft, wonach Abgaben 
nur erhoben werden durften, wenn sie das Parlament 
bewilligt hatte, und willkürliche Verhaftungen ohne ge 
richtliche Prozedur unstatthaft waren. Der König über 
trat, nachdem er das ersehnte Geld ergattert hatte, dreist 
die Bestimmungen der Bitte um Recht, in der Gewißheit, 
daß die richterlichen Handlanger seiner Willkür nicht 
versagen würden. Ebenso sicher waren die geistlichen 
Helfershelfer, die da predigten, daß alles, was die Unter 
tanen besäßen, nach göttlichem Recht dem König gehöre. 
Demgemäß setzte Karl die Eintreibung der nicht be 
willigten Zölle fort, und das Unterhaus beschloß vor seiner 
Auflösung im März 1629, das Land zur Verweigerung 
der Zölle aufzufordern und jeden Zuwiderhandelnden 
für einen Verräter der englischen Freiheit zu erklären. 
Die Haupturheber dieses kühnen Schrittes verschwan 
den nach der Auflösung als Opfer despotischer Willkür 
hinter Kerkennauern. Überhaupt wurde nun mit den 
Freunden der Freiheit kurzer Prozeß gemacbt. Gründ-
	        
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