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Die sozialen und revolutionären Bewegungen Niederländische Umwälzungen

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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Niederländische Amwälzungen 
ganzen Landes wenig übrighatten. Fm Laufe der Wirren 
hatten sich im freien Norden Handel und Gewerbe auf 
Kosten des zerrütteten Südens entwickelt, und zahlreiche 
mächtige Interessenten in Holland und Zeeland hatten 
nicht den Wunsch, Flandern und Brabant wieder hoch 
kommen zu sehen. 
1579 kam es zu einem Sonderbund der nördlichen Pro 
vinzen, der Atrechter Union, mit eigenen Generalstaaten 
und Oranien an der Spitze der Geschäfte, die er bis zu 
seiner Ermordung durch ein spanisches Werkzeug (1585) 
leitete. Man nannte ihn wohl „Statthalter", aber an 
eine Restauration des Königshauses wurde nicht mehr ge 
dacht. Am 26. Juli 1581 geschah vielmehr, übrigens noch 
unter Teilnahme von Flandern und Brabant, der revo 
lutionäre Akt, daß man König Philipp in aller Form ab 
setzte und dem Volk das Gelöbnis 
der Treue gegen das Land und seine 
jetzigen Obrigkeiten abverlangte, 
unter gleichzeitiger Abschwörung der 
Pflichten gegen Philipp. Die Er 
wägungsgründe der Abschwörungs- 
urkunde setzen als allgemein aner 
kannt voraus, daß ein Fürst von 
Gott eingesetzt ist, um seiner Un 
tertanen zu warten. Die Unter 
tanen sind nicht ihres Fürsten, son 
dern der Fürst ist der Untertanen 
wegen geschaffen. Wenn also der 
Fürst seine Pflichten nicht erfüllt, 
wenn er seine Untertanen bedrückt 
und als Sklaven behandelt, so ist 
er nicht als Fürst, sondern als Ty 
rann zu betrachten. Sich von ihm 
zu befreien, ist ein natürliches Recht, 
besonders wenn die Untertanen gar 
kein anderes Mittel haben, ihre an 
geborene Freiheit zu beschirmen, 
für die sie nach dem Naturrecht 
Gut und Blut einzusetzen haben. Die Konsequenz 
dieser Absage an den unverantwortlichen Absolutismus 
ist offenbar das Selbstbestimmungsrecht des Volkes 
nach dem Mehrheitswillen. Darüber geht die Prokla 
mation aber glatt hinweg, indem sie mit einem logischen 
Sprung ohne weiteres die Stände des Landes als die 
Autorität annimmt, die berechtigt ist, einen Tyrannen 
von Gesetzes und Vernunft wegen abzusehen und einen 
Ersatzmann an die Stelle zu wählen. Ähnlich ineinander- 
gewirrt erscheinen das historische und das Naturrecht in 
den Instruktionen, die die Generalstaaten einige Zeit 
später ihren Sendboten an den Augsburger Reichstag 
mit auf den Weg gaben als Anhalt, um die Abschwörung 
zu rechtfertigen. Darin nimmt einen bedeutenden Platz 
ein die Erklärung, daß die Habsburger unter Bedingungen 
in den Besitz der Niederlande gelangt seien, nämlich auf 
Grund eines Kontraktes, an dessen Innehaltung ihre 
Herrschaft geknüpft war. Der Vertrag sei verletzt, die 
Grundlage ewiger Gerechtigkeit, worauf er beruhe, unter 
graben worden. And weiterhin heißen in den Instruk 
tionen die gebrochenen Kontrakte „Gesetze, die von der 
Natur der Menschheit ins Herz gepflanzt und von Fürst 
und Volk ausdrücklich angenommen sind". 
So ist zwar einerseits von Verträgen im historischen 
Sinne die Rede, andererseits aber meldet sich von ferne 
der Gedanke, daß die Beziehungen zwischen Krone und 
Untertanen überhaupt von Natur auf einem Vertrags 
verhältnis beruhen. Der Weg zur Behauptung eines 
ursprünglichen Gesellschafts- und Staatsvertrags, eines 
Übereinkommens auf eine Regierungsform ist beschritten. 
Klar formuliert erscheinen diese Lehren dann bei dem 
großen niederländischen Naturrechtslehrer Hugo Grotius 
in seinen drei Büchern über das Recht des Krieges und 
des Friedens 1625. Grotius sucht sich freilich der Konse 
quenzen seiner Grundideen zu erwehren. Denn wenn er 
auch schon in seiner ersten Schrift von 1600 fleißig mit 
der natürlichen Freiheit und Gleichheit operiert hatte, 
so war er aber als praktischer Politiker der Geldsack 
republik dienstbar und gar, als er sein Hauptwerk schrieb, 
den radikalen Kalvinisten entsprungen, am Hofe des „aller 
christlichsten Königs" angelangt, dem das Buch gewidmet 
ist. Er läßt zwar Gesellschaft, Staat, Recht, Eigentum 
einem kontraktlichen Übereinkommen 
entspringen, bei dem die Gleichheit 
der Vertragschließenden voraus 
gesetzt ist. Aber er behauptet, daß 
ein Volk, wenn es die Gewalt ein 
mal übertragen hat, daran gebunden 
ist. Späterhin kann er dann freilich 
doch nicht umhin, in Ausnahmefällen 
ein Recht auf Revolution zuzu 
gestehen, z. B. wenn dem Amstrirz 
des Staates oder dem Untergang 
vieler Anschuldigen damit zuvor 
gekommen wird. And erst recht ist 
Widerstand berechtigt, wenn die 
Staatsgewalt zwischen dem König 
und dem Volk oder einer Ratsver 
sammlung geteilt ist, der König aber 
seine Befugnisse überschreitet. Gro 
tius trug eben zwei Seelen in der 
Brust, die eines revolutionären 
Denkers und die eines bürgerlich 
republikanischen Politikers. Wenn 
er dadurch von folgerichtiger Durch 
führung seiner Leitideen abgehalten wurde, so än 
dert das aber nichts an ihrer revolutionären Natur. 
Grotius hat auch für die Freiheit der Meere geschrieben. 
Es handelte sich darum, daß die Holländer bei der fort 
schreitenden Ausdehnung ihres Handels im späteren Ver 
lauf des „Achtzigjährigen Krieges" den Spaniern auch 
auf fernen Meeren in das sonst eifersüchtig gehütete 
Gehege gekommen waren. Sie wollten den von ihnen 
erworbenen Kolonialhandel und -besitz behaupten. Daß 
es nicht um Verwirklichung von Grundsätzen, sondern um 
Behauptung von Interessen ging, zeigt sich am deut 
lichsten darin, daß dieselben Holländer, die für sich die 
Freiheit der Meere in Anspruch nahmen, darauf bestan 
den, die südlichen Provinzen vom Seehandel abzuschnei 
den durch die Sperrung der Schelde. And als der Achtzig 
jährige Krieg schließlich mit dem Frieden von Münster 1648 
zu Ende ging, setzten die Holländer wirklich für sich den 
freien Verkehr, gegen Antwerpen aber die Scheldesperre 
durch. Darin zeigt sich schon, daß in der niederländischen 
Republik die Handelsinteressen vorherrschten. In den mei 
stens führenden Provinzen Holland und Zeeland sowohl 
wie in den Generalstaaten gab das Kaufmannskapital im 
allgemeinen den Ton an. In den achtziger Jahren des 
16. Jahrhunderts machten zwar noch demokratische Kreise 
den Negentensamilien die Alleinherrschaft streitig,- aber ge 
gen Ende des genannten Dezenniums war es soweit, daß ein 
Ring von Besitzenden überall das Heft in Händen hatte. 
Wilhelm I. von Oranien, äer Schweiger 
Nach äem tiupferstich von Willem )acobz Delff
	        
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