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Die Sozialdemokaratische Arbeitsgemeinschaft

Full text: Geschichte der U.S.P.D. / Prager, Eugen (Public Domain)

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Abgeordneten nach dem Willen seiner Wähler und der Gesamtpartei auf 
Grund des Gesetzes und der Verfassung zustehen. Liebknecht muß dem 
nach nach wie vor als vollberechtigtes Mitglied der Frak 
tion gelten. Die Partei kennt nur gleichberechtigte Mitglieder. Zu 
diesem Grundsatz steht der Beschluß der Fraktion im schärfsten Wider 
spruch.“ 
Karl Liebknecht verstand sofort den wahren Inhalt des Beschlusses 
der Fraktionsmehrheit; er teilte dem Reichstagsbureau mit, dafz er 
aus der sozialdemokratischen Fraktion ausgeschieden sei. Kurz dar 
auf erklärte sich Rühle mit Liebknecht solidarisch. 
Die Vorgänge im Reichstage veranlagte die Organisationen, 
sich mit der Stellung der Partei zu befassen. Der Zentralvorstand der 
Grolz-Berliner Parteiorganisationen nahm mit 41 gegen 17 Stimmen 
eine Entschliefzung an, worin die von der Fraktionsminderheit abgege 
bene Erklärung gebilligt und bedauert wurde, dafz nicht die gesamte 
Fraktion diese Erklärung abgegeben habe. Eine von 320 Funktionä 
ren besuchte Kreiskonferenz des 6. Berliner Reichstagswahlkreises 
sprach dem Genossen Ledebour für seine Haltung ihre volle Billi 
gung aus. Eine von 300 Mitgliedern besuchte Konferenz des 4. Ber 
liner Wahlkreises nahm gegen 7 Stimmen zwei Resolutionen an, in 
der die Haltung der Fraktionsminderheit begrüßt wurde; sie habe der 
Stimmung weitester Parteikreise Ausdruck gegeben. Aehnliche Er 
klärungen gaben die anderen Berliner Kreise, sowie eine ganze An 
zahl gröfzerer Parteiorganisationen im Reiche, wie Leipzig, Halle und 
Bremen, ab. 
In der Wochenschrift der österreichischen Sozialdemokratie, im 
„Kampf" vom Januar 1916 schrieb Friedrich Adler über das 
Vorgehen der Minderheit das Folgende: 
„Die Fraktionsminderheit ■ in Deutschland hat vom 4. August an das 
Vorgehen der Mehrheit für ein Abschwenken vom Programm gehalten. 
Aber sie hoffte und hoffte immer von neuem, dafz die Mehrheit zur Be 
sinnung kommen werde, und hat, weil sie die gemeinsame Aktion in ihrem 
ganzen Werte erkannte, mit der größten Selbstüberwindung die Politik 
der Verfehlungen gegen das Gesamtinteresse des Proletariats, die Politik 
der Zerreißung der Internationale zwar durch die Aufklärung zu über 
winden gesucht, aber ohne Störung der Parteiaktion hingenommen. Die 
Minderheit wartete und hoffte von Abstimmung zu Abstimmung. Sie 
wurde stärker und stärker, aber die Mehrheit in der Fraktion zu werden, 
durfte sie noch lange hinaus nicht erwarten. Und so wurde die Frage 
immer brennender, ob es nicht im höchsten Interesse des Proletariats 
gelegen sei, daß wenigstens die Minderheit den Weg gehe, den sie als 
den einzig möglichen zur Wiederherstellung der internationalen Solidari 
tät ansah. Die Frage, ob die Einheit der Reichstagsfraktion wichtiger 
sei oder die Dokumentierung der internationalen Gesinnung durch die 
Minderheit, wurde schließlich nach schweren inneren Kämpfen in letzterem 
Sinne entschieden. Die Einheit der deutschen Reichstagsfraktion war ge 
sprengt, aber eine Brücke geschlagen zu den Proletariern aller Länder. 
Die höchste Solidarität, die Solidarität des Gesamtproletariats war aus 
schlaggebend im Konflikt mit der Solidarität innerhalb einer begrenzten 
Gruppe. 
Und das ist der entscheidende Punkt, auf den es bei der Be 
urteilung des „Disziplinbruches der deutschen Minderheit“ ankommt. 
Eine wirkliche Versündigung gegen die Interessen der Arbeiterbewegung
	        
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