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Das Gebot der Stunde

Full text: Geschichte der U.S.P.D. / Prager, Eugen (Public Domain)

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Sätzen des Programms und der Parteibeschlüsse, den sozialistischen 
Kampf für den Frieden eröffnen. Die Verantwortung für alles, was sonst 
kommt, fällt denen zu, die die Partei auf die abschüssige Bahn getrieben 
haben und ferner darauf erhalten wollen. 
Begnügte sich dieses Schreiben damit, innerhalb der Organisation 
die Auffassungen der Opposition zu verbreiten und gegen die 
Kriegspolitik . der Parteiinstanzen zu arbeiten, so wandte sich das 
kurz darauf veröffentlichte Manifest von Eduard Bern 
stein, Hugo Haase und Karl Kautsky sofort an die 
breiteste Oeffentlichkeit. Es erregte naturgemäß das größte Auf 
sehen, es war die erste Kampfansage der Opposition an die Mehr 
heiten der Parteiinstanzen. Der Aufruf, der zuerst in der „Leipziger 
Volkszeitung“ erschien, hatte folgenden Wortlaut: 
Das Gebot der Stunde. 
„Die Stunde der Entscheidung ist gekommen. Die 
deutsche Sozialdemokratie ist vor eine Frage gestellt, die für die Ge 
schicke des deutschen Volkes, für die Zukunft der Kulturwelt von der 
größten Tragweite ist. 
Forderungen, für die schon in früheren Monaten eine gewisse Presse, 
sowie Vereinigungen, denen keine größere Bedeutung beigelegt wurde, 
systematisch Stimmung gemacht hatten, sind in den letzten Wochen 
von Persönlichkeiten in hervorragender Stellung, sowie von einfluß 
reichen Körperschaften in teilweise sogar noch verschärfter Form ver 
treten worden. Programme werden aufgestellt, die dem gegenwärtigen 
Krieg den Stempel eines Eroberungskrieges aufdrücken. Noch 
ist es in aller Erinnerung, daß der Präsident des preußischen Herren 
hauses, Wedel-Piesdorf in der Sitzung des Herrenhauses vom 15. März 
1915 erklärte: Deutschland stehe jetzt als Sieger da: 
„Und wenn wir nichts weiter wollten, als den Angriff der Feinde 
abschlagen, so glaube ich, würde es nicht allzu schwer sein, einen Frie 
den in kurzer Frist zu erlangen. Damit aber kann sich Deutschland 
nicht befriedigt erklären. Nach den ungeheuren Opfern, die wir ge 
bracht haben, an Menschen sowohl wie an Hab und Gut, müssen wir 
mehr fordern, wir können das Schwert erst wieder in die Scheide 
stecken, wenn Deutschland eine Sicherung erlangt hat dagegen, daß 
in ähnlicher Weise wie diesmal die Nachbarn über uns herfallen.“ 
In der Reichstagssitzung vom 29. Mai 1915 haben die Abgeordneten 
Graf v. Westarp als Vertreter der Konservativen und Schiffer als Ver 
treter der Nationalliberalen unumwunden sich für Annexionen 
ausgesprochen; der erstere unter Berufung auf eine Erklärung des 
deutschen Reichskanzlers vom Tage zuvor, die dahin ging-, 
Deutschland müsse alle nur möglichen „realen Garantien und 
Sicherheiten“ dafür schaffen, daß keiner seiner Feinde, „nicht 
vereinzelt, nicht vereint“, wieder einen Waffengang wagen werde. Diese 
Auslegung der Worte des Reichskanzlers hat von der Reichsregierung- 
keine Zurückweisung erfahren. 
Es ist fernerhin bekanntgeworden, daß sechs große Wirt 
schaftsvereinigungen, voran der großkapitalistische Zentral 
verband deutscher Industrieller und die Kampforganisation der Agrarier, 
der Bund der Landwirte, die der Politik des Deutschen Reiches so oft 
schon die Richtung gewiesen haben, unter dem 20. Mai 1915 eine Ein 
gabe an den Reichskanzler gerichtet haben, worin sie fordern: Ge 
winnung eines großen Kolonialreiches, ausreichende 
Kriegsentschädigung und Annexionen in Europa, die 
allein im Westen über zehn Millionen Menschen — mehr als sieben Mil 
lionen Belgier und über drei Millionen Franzosen — zwangsweise unter
	        
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