Path:
Die beginnende Opposition

Full text: Geschichte der U.S.P.D. / Prager, Eugen (Public Domain)

31 
nachdem nun einmal der Krieg erklärt sei, es sich nicht mehr um die 
Entscheidung für oder gegen den Krieg handele, sondern um die 
Frage der für die Verteidigung des Landes erforderlichen Mittel.“ 
Ausschließlich die Rücksicht auf die jetzige gefährliche Loge unserer 
Partei und die Erhaltung unserer Presse hindert uns, diese Bewilligung 
der Kriogskredilforderungen im „Vorwärts“ einer öffentlichen Kritik zu 
unterziehen; doch können wir nicht darauf verzichten, dem Parteivorstand 
und der Presskommission wissen zu lassen, daß wir die Haltung der 
Fraktion für inkonsequent und in ihren Folgen für parteischädigend 
halten. 
Mit derselben Argumentation, mit der die Fraktionserklärung die Zu 
stimmung zu den 5 Milliardenkrediten motiviert, können fast alle Militär 
forderungen begründet werden. Fast immer kann gesagt werden, daß, 
nachdem nun einmal von den anderen Parteien neue Heeres- und Flotten 
verstärkungen bewilligt sind, also nichts mehr an der Vermehrung zu 
ändern sei, unbedingt die Sicherheit des Vaterlandes und das Eigen 
interesse der Mannschaften erfordere, daß sie möglichst gut ausgerüstet 
und nicht mit unzulänglichen Monturen, Gewehren, Kanonen usw. gegen 
den Feind geschickt würden. Dazu kommt, daß die Zustimmung einen 
schweren Schlag für die Internationale bedeutet, daß er 
eine Lockerung des Zusammenhanges zwischen den verschiedenen 
Zweigen der internationalen Arbeiterbewegung bewirken muß, und daß er 
die Stellung der deutschen Sozialdemokratie innerhalb dieser Bewegung 
schädigt; vor allem aber, daß mit der Bewilligung der Kriegskredite die 
deutsche Sozialdemokratie trotz der Ablehnung solcher Folgerung in der 
Fraktionserklärung eine gewisse Mitverantwortlichkeit für den Krieg und 
die sich aus ihm ergebenden Folgen übernimmt; eine Verantwortlichkeit, 
die sich in Zukunft schwer rächen kann. 
Berlin, den 4. August 1914. 
Die Redaktion des „Vorwärts". 
Cunow, Hilferding, Leid, John, Däumig, Strobel, 
Weber, Wermuth, Scholz. 
Die Unterzeichneten Redakteure des „Vorwärts“ können sich der Er 
klärung ihrer Kollegen nicht anschließen, da sie eine Ablehnung der 
Kriegskredite nicht hätten gutheißen können. Dagegen finden sie, daß 
durch die bedingungslose Zustimmung die Interessen des Proletariats 
nicht genügend gewahrt wurden. Mindestens hätte in der begleitenden 
Erklärung der sozialistische Standpunkt viel stärker hervortreten müssen. 
Nestriepke, Doescher.' 
Stadthagen bemerkte hierzu: Richtiger als eine Ablehnung hielt 
und halte ich noch heule eine Bewilligung, falls die Begründung derselben 
klar betont, daß die Arbeiter aller Länder sich nicht bekriegen, daß die 
Entscheidungen über Krieg und Frieden in Rußland wie in Deutschland 
nicht dem Volk, sondern einigen Personen zusieht, die auf die Dauer dem 
Einfluß kapitalistischer Interessenkliquen und der Militärkamarilla nicht 
widerstehen können, daß ferner die russischen Kriegshetzer dem russi 
schen Volk gegenüber dieselben Ziele der Vorenthaltung der politischen 
Gleichberechtigung und der dauernden wirtschaftlichen Unterdrückung 
verfolgen wie die Kriegshetzer in Deutschland. Ferner müßte in der Er 
klärung scharf hervorgehoben werden, daß wir die Verantwortung für 
den Krieg ablehnen, aber uns in einer Zwangslage befinden, weil der 
Zarismus mit einer Invasion droht. Wir stimmen deshalb für die Kredite, 
um gegen den Zarismus, nicht aber gegen die Arbeiter und um für die
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.