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Das Leipziger Aktionsprogramm

Full text: Geschichte der U.S.P.D. / Prager, Eugen (Public Domain)

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Heimtücke, aber doch aus Ueberzeugung getrieben haben; zum min« 
desten kam ihnen selbst nicht zum Bewufztsein, daß sie damit gegen 
revolutionäre Arbeit leisteten. Vor der Geschichte werden sie jedoch 
als diejenigen dastehen, die der Arbeiterklasse hundertfach größeren 
Schaden zufügten, als es den Noskes und Heines, den Generalen 
Lüttwitz und Märcker je gelungen war. Wenn die revolutionäre Be 
wegung, nachdem sie durch das stolze Anwachsen der Unabhängigen 
Sozialdemokratie und deren Konsolidierung einen prächtigen Auf 
schwung genommen hatte, wieder zum Versumpfen verurteilt war, so 
trägt die Schuld daran jene von Moskau ausgegangene Unduldsam 
keit, die das geistige Leben der Arbeiterbewegung nur in die eine 
Schablone pressen wollte, die von ihnen selbst ausgegeben worden 
war. 
Die erste Phase der Revolution war in Deutschland 
zum Abschluß gekommen. Was aus der Novemberzeit an Errungen 
schaften noch übriggeblieben war, mutzte von der Arbeiterschaft mit 
Zähnen und Klauen verteidigt werden. Die veränderte Situation er 
forderte auch eine veränderte Taktik der Unabhängigen Sozialdemo 
kratie. Das wollte aber der sogenannte linke Flügel nicht einsehen, 
der sich unter Revolution nur gewaltsame Erhebungen, bewaffnete 
Zusammenstöße, offenen Bürgerkrieg und ähnliche Dinge vorstellen 
konnte, die von jeher das geistige Arsenal aller Revolutionsroman 
tiker gebildet hatten. Die politischen Arbeiterräte hatten ihre Be 
deutung vollständig verloren; die Müller und Däumig aber beschimpf 
ten jeden als Verräter, der nicht unbedingt an dem „reinen Räte 
gedanken" als den alleinseligmachenden Glauben der Revolution fest 
hielt. Die Kämpfe um den Einfluß auf den Staat wurden längst wieder 
in den Parlamenten ausgefochten; das hatte selbst die Kommunisti 
sche Partei veranlaßt, ihre bei der Gründung der Partei ausgegebene 
Parole der Wahlenthaltung wieder aufzugeben. Der „linke Flügel“ 
dagegen hoffte von Monat zu Monat auf einen neuen revolutionären 
Ausbruch, und darum überschüttete er jeden mit Hohn und Spott, 
der dafür eintrat, daß die Arbeiterklasse sich auch des Parlamentaris 
mus als einer Waffe in ihrem Kampfe bediente. Die Gewerkschaften 
waren wieder zu den Hauptträgern der wirtschaftlichen Bewegung der 
Arbeiterschaft geworden; die Richtung Müller aber verlangte, daß 
man ihnen fernbleibe und abseits der großen Organisationen der 
Arbeiterschaft im luftleeren Raum eine wirtschaftliche Räteverfassung 
aufstelle. 
Der Hauptgegenstand des Streits war aber die Frage der Inter 
nationale. Seit der Beendigung des Krieges waren wiederholt 
Versuche gemacht worden, die internationalen Beziehungen der 
Arbeiterklasse wieder herzustellen. Es mußte jetzt alles darauf an 
kommen, das revolutionär gesinnte Proletariat der ganzen Welt auf 
einem einheitlichen Boden zu versammeln und die reformistischen 
und nationalistischen Elemente zu isolieren. Die Bolschewiki hatten 
aber aus innen- und außenpolitischen Gründen keine Zeit, um den 
Ablauf dieses Prozesses abzuwarten. Sie gründeten eine neue 
Internationale, die sie die dritte nannten und die schon durch 
ihren Sitz in Moskau zeigte, daß sie einen starren dogmatischen, auf 
die kommunistischen Heilslehren eingeschworenen Charakter tragen 
sollte. Die Unabhängige Sozialdemokratie hatte dagegen an zwei
	        
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