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Das Leipziger Aktionsprogramm

Full text: Geschichte der U.S.P.D. / Prager, Eugen (Public Domain)

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Anfang Mai gaben endlich die Alliierten ihre Friedensbedin 
gungen für Deutschland bekannt. Sie machten auf die 
bürgerlichen Parteien und auch auf die Rechtssozialisten einen nieder 
schmetternden Eindruck. Hatte man sich nicht auf die berühmten 
14 Punkte des amerikanischen Präsidenten Wilson berufen, als man 
vor einem halben Jahre um Frieden bat? Und nun enthielten die Be 
dingungen der Entente so gar nichts vom Selbstbestimmungsrecht 
der Völker, von der Versöhnung der Nationen und von all den andern 
schönen Dingen, die in den 14 Punkten versprochen waren. Für die 
Unabhängige Sozialdemokratie kam das Diktat der Alliierten nicht 
überraschend. Sie hatte immer vorausgesagt, dalz der Krieg, wenn 
er nicht mit einer Verständigung enden würde, nur in einen Frieden 
der Gewalt und der Niederwerfung ausgehen könne. Sie hatte da 
mals, als die deutsche Regierung den Russen und den Rumänen ihre 
Gewaltfrieden aufzwang, angekündigt, dafz die Entente, wenn das 
Spiel zugunsten Deutschlands Umschlägen sollte, sich diese Ge 
waltfriedenschlüsse zum Beispiel nehmen würde. Und so war es 
jetzt gekommen. Die bürgerlichen Parteien allerdings, und mit ihnen 
die Rechtssozialisten, die die volle Verantwortung für diese Entwick 
lung zu tragen hatten, sie jammerten jetzt darüber, dafz ihr Glaube 
enttäuscht, dafz ihr Vertrauen auf Wilson verraten worden sei. Die 
Deutschnationalen forderten, dalz der Krieg von frischem beginnen 
sollte und die Militaristen wetzten schon das Schwert, um neues Ent 
setzen über die Welt zu verbreiten. Die Demokraten glaubten klüger 
zu handeln, wenn sie die passive Resistenz gegenüber den Entente 
forderungen vorschlugen; sie meinten, wenn man die alliierten Heere 
das Ruhrgebiet, Berlin, Hamburg, Mitteldeutschland, alle Stätten der 
Arbeit und des Handels besetzen lasse, dann werde die Entente schon 
einsehen, dalz von Deutschland nichts zu holen sei, und erst dann 
würden sie billigere Bedingungen zu stellen bereit sein. 
Die Unabhängige Sozialdemokratie wandte sich sofort gegen diese 
Politik der Torheit und des Verbrechens, und ihrem Einflulz, der da 
mals unbestritten war, ist es zu danken, dalz das Bürgertum, das die 
Verantwortung für den Krieg trug, nunmehr auch die Verantwortung 
für den Frieden übernehmen mulzte. Die Partei rief sofort das Prole 
tariat zum Kampfe für den Frieden auf. Sie stellte fest, dalz sie unab 
lässig den Abbruch des Krieges schon gefordert hatte, als noch keine 
der kriegführenden Gruppen das Uebergewicht über die andere er 
langt hatte. Damals aber hatte das alte Regime, unterstützt von allen 
Parteien mit alleiniger Ausnahme der USPD. die Gewaltfrieden von 
Brest-Litowsk und Bukarest abgeschlossen und dadurch den Halz 
gegen Deutschland vermehrt. In dem Aufruf hiefz es weiter: 
Wir haben keine Hoffnung, dafz die Entente-Imperialisten, die auf die 
Friedensverhandlungen den malzgebenden Einflufz haben, die Bedingungen 
wesentlich erleichtern werden, zumal die Zusammensetzung der Regierung 
und der Friedensdelegation den anderen Regierungen kein Vertrauen ein- 
flölzen kann. Selbst wenn bei den eingeleiteten Verhandlungen erhebliche 
Veränderungen nicht erreicht werden sollten, so bleibt doch letzten Endes 
nichts anderes übrig, als sich dem Zwange zu fügen 
und den Vertrag zu unterzeichnen. Nichtunterzeichnung be 
deutet die Zurückhaltung unserer Kriegsgefangenen, die Besetzung unserer 
Rohstoffgebiete, die Verschärfung der Blockade, bedeutet Arbeitslosigkeit,
	        
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