Path:
Die Sozialdemokratie vor dem Weltkrieg

Full text: Geschichte der U.S.P.D. / Prager, Eugen (Public Domain)

16 
führenden Partei zu einer reformistischen Partei, in eine die 
Arbeitsgemeinschaft mit dem Kapitalismus anstrebende Bewegung 
wandeln konnte, das lag nicht an ihren Führern, sondern an der Ge 
staltung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse vor dem 
Kriege. Auch in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie 
können wir zwei Perioden unterscheiden. Die erste Periode, 
die bis zum Jahre 1890, dem Falle des Sozialistengesetzes reicht, 
fällt zusammen mit dem Kampf der erstarkenden Industrie gegen die 
rückständigen Produktionsmethoden. Bismarck glaubte durch die 
Anwendung brutaler Gewalt die zugleich mit dem Kapitalismus em 
porkommende Sozialdemokratie so niederschlagen zu können, daß 
sie unfähig würde, an der bisherigen Staatsverfassung zu rütteln. 
Das war für die Sozialdemokratie die Zeit der bloßen Propa 
ganda. Die Partei war schwach sowohl an Mitgliedern, wie an 
Vertretungen in den parlamentarischen Körperschaften. Die Orga 
nisationen bildeten vorerst nur Stolztrupps, die Massen des Proleta 
riats waren entweder politisch indifferent, oder sie segelten im Ge 
folge des Liberalismus. Die Parteizeitungen waren damals nicht viel 
mehr als periodisch erscheinende erweiterte Flugblätter. Im Reichs 
tag wurden Reden zum Fenster hinaus gehalten, an die „praktische 
Arbeit" traute man sich -noch nicht so recht heran. Aber die wirt 
schaftliche Entwicklung, die ein immer stärker und selbstbewußter 
auftretendes Proletariat schuf, sprengte die Fesseln des Sozialisten 
gesetzes und stellte die Sozialdemokratie vor neue, sofort zu lösende 
Aufgaben. Je größer die Macht des Unternehmertums wurde, desto 
schneller mußte die Gewerksch aftsbewegung sich aus 
breiten. Das Ziel, die Verwirklichung des Sozialismus, trat in den 
Hintergrund, die Bewegung, der Kampf um solche Forderungen, 
die schon der Gegenwartsstaat erfüllen konnte, beanspruchte die 
größte Aufmerksamkeit. Die Stunde des Revisionismus, des Refor 
mismus hatte geschlagen. 
Die Sozialdemokratie vermehrte sich unausgesetzt an Wähler 
stimmen und an Mitgliedern; von Legislaturperiode zu Legislatur 
periode wuchs die Zahl ihrer Reichtagsabgeordneten und schließ 
lich, bei Beginn des Weltkrieges, zählte die Partei im Reichstag 110 
Mandate, fast ein Drittel der ganzen Volksvertretung. Auch in den 
einzelstaatlichen Landtagen wuchs der Einfluß der Partei trotz Drei 
klassenwahl und Pluralstimmensystem; in die Stadtverordnetenver 
sammlungen und Gemeindevertretungen, selbst in die versteinerten 
Provinziallandtage drang immer stürmischer der Wellenschlag unserer 
Bewegung. Noch viel schneller ging das Wachstum der Gewerk 
schaften voran; die Zeit war vorüber, wo die Arbeiter im Guerilla 
krieg, bald hier, bald da vorstoßend, Teilerfolge zur Verbesserung 
ihrer wirtschaftlichen Lage erringen konnten. Auch die Unternehmer 
hatten sich gesammelt; die Arbeitgeberorganisationen schossen 
wie Pilze aus dem Boden und an ihre Seite stellten sich noch be 
sondere Antistreikversicherungen. So mußte von selbst den Ar 
beitern die Erkenntnis von der Notwendigkeit großer, zentralisierter, 
vermögensstarker, jederzeit kampffähiger, aber auch verhandlungs 
bereiter Organisationen eingehämmert werden. Schließlich kam 
noch die Konsumvereinsbewegung hinzu, die dem Ar 
beiter als Verbraucher beistehen und ihn durch die Errichtung eige
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.