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Die Tage des November

Full text: Geschichte der U.S.P.D. / Prager, Eugen (Public Domain)

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knechten des neuen Militarismus ermordet, daiz wehrlose Gefangene 
in größerer Zahl feige und hinterlistig erschossen wurden. Die Mörder 
S ehen frei herum, gedeckt von den Generalen, den Herren der Regierung. 
•ie revolutionären Kämpfer dagegen übergibt die sozialistische Regierung 
nicht einem revolutionären Tribunal, sondern den bürgerlichen Gerichten, 
die im Namen von „Ruhe, Ordnung und Sicherheit“ Schreckens 
urteile aussprechen. 
Wie der Militarismus, so triumphiert wieder der Kapitalismus. Wer 
immer geglaubt hat, daiz noch vor dem Zusammentritt der National 
versammlung die Grundlage für die Sozialisierung der Betriebe geschaffen 
würde, er ist bitter enttäuscht worden. Stärkung des Kapitalis 
mus ist die Losung der Bourgeoisie, deren Diktat die rechtssozialistischen 
Führer auch hier gehorchen. Sie planen die Einführung des Arbeits 
zwanges und der Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems. Sie ver 
dächtigen die Arbeiter, die durch Unterernährung, Ueberarbeit, Kriegsleiden 
körperlich geschwächt und erschöpft sind, der Trägheit und der Arbeits 
scheu. Aber sie dulden es, daiz Kapitalisten trotz vorhandener Bestellungen, 
und Rohstoffe die Produktion einschränken. 
Wenn die Unabhängige Sozialdemokratie lediglich auf die Wahrung 
der Interessen der eigenen Partei bedacht gewesen wäre, so hätte 
sie mit dieser Entwicklung der Dinge durchaus zufrieden sein können. 
Ununterbrochen strömten ihr Scharen neuer Anhänger zu, unauf 
hörlich stieg die Mitgliederziffer ihrer Organisationen, der Leser 
kreis ihrer Presse. Es waren, wenn auch nicht die schlechtesten, so 
auch nicht immer die geschultesten Kräfte aus dem Proletariat, die 
zu ihr stielzen. Neben sehr wertvollen Elementen drängte sich auch 
manche Spreu in die Reihen der Partei, die später, als die hoch 
gespannten Erwartungen nicht in Erfüllung gingen und die Wogen 
der politischen Bewegung nicht mehr so hoch rollten, wieder von 
ihr ging, entweder, um in dem anarchistisch-kommunistischen 
Hexenkessel von links das neue Heil zu suchen oder wieder in die 
frühere Gleichgültigkeit zu versinken. Der Parteileitung erwuchs die 
Aufgabe, die neuen Kräfte zu schulen, agitatorische und journali 
stische Befähigungen zu entwickeln, aus den mancherlei, sich oft 
widerstrebenden Ideen eine einheitliche Linie der Taktik 
zu bilden. Zugleich aber mulzten die Mittel beschafft werden, mit 
denen der Kampf zu führen war. Die Partei verfügte nicht über 
den alten Organisationsapparat, der bei den Rechtssozialisten zu 
finden war, es mufzte fast alles von Grund auf neu geschaffen werden. 
Schon bei den wenige Wochen nach den Wahlen zu der National 
versammlung vorgenommenen Wahlen für die Gemeinden 
zeigte sich, wie das Vertrauen der Arbeitermassen zu der Unab 
hängigen Sozialdemokratie wuchs. Die rechtssozialistischen Stimmen 
gingen rapide zurück, dagegen wuchs die Stimmenzahl, die auf die 
Kandidaten der Unabhängigen Sozialdemokratie entfiel. In Berlin, 
wo die U. S. P. D. noch bei derWahl zur Nationalversammlung hinter 
den Rechtssozialisten marschierte und an zweiter Stelle der Parteien 
stand, rückte sie jetzt an die Spitze vor. Auch bei den Wahlen in 
den Einzelstaaten zeigte sich das gleiche Bild. 
Einen schweren Verlust erlitt die Unabhängige Sozialdemokratie 
am 21. Februar 1919 durch die Ermordung Kurt Eisners, 
des bayerischen Ministerpräsidenten. Kurt Eisner mag kein Politiker 
von grolzem Wurf gewesen sein; aber er war ein wahrhaftiger und
	        
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