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Die Tage des November

Full text: Geschichte der U.S.P.D. / Prager, Eugen (Public Domain)

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Mitschuldig an diesem verbrecherischen Tun sind alle, die es still 
schweigend oder ausdrücklich unterstützen. Merken die Rechtssozialisten 
noch immer nicht, daß sie die Geschäfte der Reaktion betreiben, wenn sie 
in das Geschrei der Arbeiterfeinde einstimmen? 
Die Bourgeoisie verfolgt mit ihrem Kampfgeschrei noch einen anderen 
Zweck. Sie will alle tiefergreifenden sozialen Umgestal 
tungen aufhalten, indem sie glauben machen will, dalz die sozia 
listische Regierung kein Recht habe, vor Zusammentritt der Konstituante 
Gesetze zu erlassen oder gar an die Sozialisierung der Betriebe vorher zu 
gehen. Die Regierung hat das Recht dazu, weil sich in ihr die gesetz 
gebende Macht des souveränen Volkes verkörpert, und sie hat die Pflicht 
dazu, wenn sie die Massen, die die Träger der Revolution sind, nicht im 
Stich lassen will. Diese Pflicht gilt es nunmehr zu erfüllen. 
Parteigenossen, Parteigenossinnen! 
Seid auf dem Posten! Werbt mit dem größten Eifer neue Anhänger für 
unsere Partei. Je stärker unsere Partei ist, desto sicherer ist es, dalz d i e 
Forderungen des Sozialismus verwirklicht werden. 
Um die Errungenschaften der Revolution festzuhalten und auszubauen, 
gibt es kein wirksameres Mittel, als die Stärkung unserer Organisation, der 
Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei. Während des ganzen Krieges 
hat unsere Partei die Kriegspolitik bekämpft, ihre Anhänger mit dem Geist 
des Sozialismus erfüllt. Ihre geschichtliche Aufgabe ist es, das 
Proletariat zu sammeln, zur Beseitigung jeder Klassenherrschaft, zur Auf 
richtung der sozialistischen Gesellschaft. 
Die Parteileitung der Unabhängigen Sozialdemo 
kratischen Partei Deutschlands. 
Die Bourgeoisie hatte zuerst als mit einer Selbstverständlichkeit 
damit gerechnet, dalz es mit ihren Privilegien nunmehr für immer 
vorüber war. Kannte sie doch von allen biblischen Sprüchen den 
am besten, der da heißt „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, und wie 
sie bisher das Proletariat niedergetreten hatte, so erwartete sie jetzt 
umgekehrt, dafz die Arbeiterklasse ihre bisherigen Unterdrücker ohne 
Gnade niederwerfen würde. Als nun aber gar nichts von dieser Art 
geschah, da sammelten sich nach den ersten Tagen der Verwirrung 
wieder jene Kräfte, die auf die Revolution mit der Gegenrevo 
lution zu antworten gedachten. In Berlin wurde der Versuch 
unternommen, Herrn Ebert zum, Reichspräsidenten zu machen, damit 
er als Platzhalter für den zurückzuholenden Monarchen diene. War 
bis jetzt die Umwälzung fast friedlich vor sich gegangen, so kam es 
nunmehr zu gröfzeren Blutvergießen. Und als ob nichts geschehen 
sei, versuchte Herr Fehrenbach, der bisherige Reichstags 
präsident, im Dezember den Reichstag einzuberufen, damit er die 
Ordnung völlig wieder herstelle. 
Das Stärkeverhältnis der revolutionären Kräfte 
zeigte sich auf der ersten Konferenz der Arbeiter - und 
Soldatenräte Deutschlands, die Mitte Dezember in Berlin 
zusammentrat. Die Unabhängige Sozialdemokratie bildete nur eine 
Minderheit, der Spartakusanhang war auf eine lächerlich geringe 
Vertreterzahl angewiesen, die aber einen um so größeren Lärm 
machte. Die Masse der politisch ununterrichteten Soldatenräte hing 
dem Kongreß wie ein Bleigewicht an. Gerade wegen dieser unzu 
verlässigen und unberechenbaren Zusammensetzung des Kongresses 
hätte man versuchen müssen, ihn, so gut es ging, für die noch zu
	        
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