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Der Zusammenbruch

Full text: Geschichte der U.S.P.D. / Prager, Eugen (Public Domain)

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der nunmehr zu Worte kam, noch einmal klarstellte, dafz die damalige 
Minderheit in der Fraktion sich nur dem disziplinarischen Zwange 
beugte, als sie im Plenum für die Kriegskredite stimmte. Im übrigen 
aber zeigte Ledebour, wie windig es um den neuen Parlamentarismus 
stehe, wie er bis jetzt in Deutschland durchgeführt sei. Nicht die 
Regierung sei parlamentarisiert worden, sondern man habe einige 
Abgeordnete bureaukratisiert. Jetzt komme es darauf an, dalz mit 
kräftigem Besen ausgefegt werde. Es sei absolut notwendig, dalz an die 
Spitze der Staaten nicht nur andere Personen, sondern ganz andere 
Einrichtungen gesetzt würden. Das monarchische System, in dem 
das bureaukratisch-militärische Regierungssystem gipfelte, habe voll 
kommen abgewirtschaftet. Die Unabhängige Sozialdemokratie sei der 
Ansicht, dalz das deutsche Volk aus dem furchtbaren Zusammen 
bruch sich nur dann eine glückliche Zukunft sichern könne, wenn 
es sich r e p u b 1 i k a n i s c h e E i n r i c h t u n g e n schaffe, die die 
verderbliche kapitalistische Produktionsweise durch die sozialistische 
ersetzen. Aus dem furchtbaren Unglück, das dieser Weltkrieg über 
alle Völker heraufbeschworen habe, erwachse für die Arbeiterschaft 
aller Welt die Notwendigkeit, überall die Macht zu er 
greifen, um den Sozialismus zur Durchführung zu bringen: 
Denn solange die kapitalistischen Einrichtungen bestehen, ist es ganz 
unmöglich, dafz die furchtbaren Nachteile wettgemacht, dafz sie aus 
geglichen werden können. Allein die finanzielle Zerrüttung aller euro 
päischen Länder, die der Krieg notwendigerweise zur Folge haben mufz, 
und die sich in Friedenszeiten durchsetzen wird, drängt geradezu 
zum Sozialismus hin. Dalz die bürgerlichen Klassen, die dabei 
ihre Sonderrechte verlieren würden, nicht dafür zu haben sind, ist mir 
nicht zweifelhaft. Aber die Proletarier aller Länder, nicht nur die 
Proletarier Deutschlands, nicht nur die bisherigen Proletarier, sondern 
alle diejenigen Männer und Frauen, die durch das Elend des Weltkrieges 
in das Proletariat hinabgestoizen wurden, werden sehr bald zu dieser Er 
kenntnis kommen und dann werden sie zu dem schreiten, was mit dem 
Sozialismus auch endgültig der WeltdenFrieden bringen wird. 
Wieder einen Tag darauf rechnete Genosse Oscar Cohn mit 
dem Militarismus ab. Erst hatten nämlich Hindenburg und Luden 
dorff zum schleunigen Abschlufz eines Friedens geraten, inzwischen 
besannen sie sich aber wieder eines anderen, und sie behaupteten, 
dafz Heer und Flotte lieber bis zum letzten kämpfen würden, als den 
Waffenstillstands Wilsons, der die bedingungslose Unterwerfung ver 
langte, anzunehmen. Die Konservativen hatten bereits einen Aufruf 
erlassen, worin sie erklärten, dalz unter Umständen Heer und Flotte 
auch gegen die Krone für die nationale Verteidigung sich etablieren 
würden. In diesem Augenblick war es nötig, die Schuld des mon 
archischen Systems für den grauenvollen gesellschaftlichen Zustand, 
wie es dieser Krieg war, festzustellen. Die bürgerlichen Parteien 
allerdings, so sagte Cohn dazu, hätten Monarchie und Militarismus 
gehätschelt aus Angst vor der Sozialdemokratie. In dieser histo 
rischen Situation gebe es aber kein Ausweichen mehr vor der Frage: 
Krieg mit den Hohenzollern oder Friede ohne die 
Hohenzollern? Das stärkste Friedenshindernis in diesem 
Augenblick seien die Kräfte, die zwar die militärische Lage richtig 
sähen, aber, um ihre soziale Existenz und um das monarchisch-auto- 
kratische System aufrechtzuerhalten, nicht die Konsequenzen daraus
	        
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