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Der Kampf um den Frieden

Full text: Geschichte der U.S.P.D. / Prager, Eugen (Public Domain)

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aber bald stellte es sich heraus, daß dieses Osterei überfaul 
war. Die Umbildung des preußischen Landtags sollte kommen, für das 
Klassenwahlrecht in Preußen sei kein Raum mehr, wurde in dem 
Erlaß erklärt, die Abgeordneten sollten durch unmittelbare und 
geheime Wahl bestimmt, dem Herrenhaus durch Vertreter des Volkes 
neues Blut zugeführt werden. Von diesen Versprechungen ist nichts 
in Erfüllung gegangen. Viele Monate lang ist zwar in Preußen um 
die Reform des Landtags geschachert worden, aber die Junker und 
die Schwerindustriellen wollten höchstens ein Pluralstimmrecht zu 
gestehen, das ihre Macht unberührt ließ. Erst die November 
revolution des nächsten Jahres hat mit dem elendesten aller Wahl 
systeme endgültig aufgeräumt. Die deutsche Bourgeoisie, dumm und 
kurzsichtig wie sie nun einmal in politischen Angelegenheiten ist, 
hat in der Frage des preußischen Wahlrechts mit besonderer Deut 
lichkeit gezeigt, daß sie lieber das ganze „Vaterland“ in Trümmer 
gehen läßt, als zur rechten Zeit auch nur auf einen Teil ihrer Privi 
legien zu verzichten. 
Als nicht minder kurzsichtig erwies sich auch die Bourgeoisie in 
Rußland. Die Revolution hatte zwar das zaristische Regime zer 
brochen, aber an seine Stelle waren die Vertreter der kapitalistischen 
Klassen getreten, die bisher schon die hemmungslosen Bestrebungen 
des russischen Imperialismus gefördert hatten und nunmehr glaubten, 
mit vermehrter Tatkraft ihre Absichten verwirklichen zu können. Sie 
mußten den kriegsmüden Massen Friede und Land versprechen, 
beides aber konnten sie ihnen nicht geben, wenn sie sich nicht als 
Klasse selbst aufgeben wollten. Die russische Revolution blieb daher 
an dem bisher erreichten Punkte nicht stehen; da aber die als Klasse 
noch nicht organisierten Kleinbauern ihre Geschäfte nicht selbst 
besorgen konnten, so mußten schließlich die Bolschewik!, die 
allein den negativen Mut aufbrachten, vor dem deutschen Imperialis 
mus zu kapitulieren, die Erbschaft der russischen Bourgeoisie 
antreten. 
An der Behandlung der Friedensfrage konnte man besonders 
deutlich die weitere Entwicklung der russischen Revolution studieren. 
Der Außenminister des ersten bürgerlichen Kabinetts Rußlands, 
Miljukow, veröffentlichte am 10. April eine Erklärung, worin auf die 
enge Gemeinschaft mit den Alliierten hingewiesen und gesagt wurde, 
daß das russische Volk „einen dauerhaften Frieden auf Grund des 
Rechts der Völker, ihr Schicksal selbst zu bestimmen“, herbeiführen 
wolle. Das Vaterland sei in Gefahr, alle Kräfte müßten angespannt 
werden, um es zu retten. Das Hauptgewicht legte diese Erklärung 
also auf die Gemeinschaft mit den Alliierten, der Gedanke eines 
Sonderfriedens mit den Mittelmächten wurde damals noch nicht 
erörtert. Viel entschiedener war die Erklärung, die der Kongreß der 
Arbeiter- und Soldatenräte in Petersburg Ende Juni veröffentlichte. 
Hier wurde als die wichtigste Aufgabe der revolutionären Demokratie 
der Kampf für die schnellste Beendigung des Krieges bezeichnet. 
Es solle zwar kein Sonderfriede geschlossen werden, aber man müsse 
sofort Abordnungen in die alliierten und neutralen Länder schicken 
und alle sozialistischen Parteien dieser Länder nach Rußland e in 
laden, damit die Friedensfrage endlich gelöst werde. Die deutsche
	        
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