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Deutschland bis zum Weltkrieg

Full text: Geschichte der U.S.P.D. / Prager, Eugen (Public Domain)

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Deutschland und gegenüber dem Expansionsstreben Oesterreichs 
nach dem Balkan prägte er das Wort, dafz ihm Bosnien nicht die 
Knochen eines pommerschen Grenadiers wert sei. Noch im Jahre 
1891 versuchte Bismarcks Nachfolger, General Caprivi, durch den 
englisch-deutschen Vertrag, der durch die Abtretung von Sansibar 
das damals noch geringen militärischen und maritimen Wert vor- 
stellende Helgoland zu Deutschland brachte, gute Beziehungen zu 
England zu sichern. Auch die ostelbischen Junker wollten lange 
Zeit von der Weltpolitik nichts wissen; als die uferlosen Marine 
pläne Wilhelms II. auftauchten, fiel aus ihrem Munde das Wort von 
der „gräfzlichen Flotte". 
Trotzdem war es klar, dafz der Krieg von 1870/71 noch auf Jahr 
zehnte hinaus auf die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutsch 
land in ungünstigem Sinne nachwirken mufzte. Frankreich war wirt 
schaftlich und politisch außerordentlich geschwächt worden, Deutsch 
land dagegen erlebte eine Periode stürmischer Aufwärtsbewegung. 
Bismarck schlofz als Gegengewicht gegen die Revanchepläne der 
französischen Nationalisten mit Oesterreich und Italien den Drei 
bundsvertrag, der die stärkste Sicherung für den europäischen Frie 
den darstellen sollte, in Wirklichkeit aber Rufzland, das seine süd 
westliche Flanke von Oesterreich bedroht fühlte, in die Arme von 
Frankreich trieb. Als Folge der agressiven Flottenpolitik Deutsch 
lands mufzte schliefzlich auch England zum Teilhaber dieser franko 
russischen Allianz werden. 
Es ist freilich nicht so, dafz es erst des Auftretens Wilhelms II. be 
durfte, um Deutschland in den weltpolitischen Strudel hineinzujagen 
Dieser Herrscher von Gottesgnaden hatte nur gerade das Zeug dazu, 
um zum Diener des sich gewaltig regenden Großkapitals zu werden. 
Nicht Wilhelm II. hat Deutschland auf den Weg des Imperialismus 
gedrängt, sondern die die innerwirtschaftlichen Schranken spren 
gende deutsche Grofzindustrie hat den Kaiser zum Werkzeug ihrer 
Pläne gemacht. 
Die deutsche Bevölkerung war von 1870 bis 1890 um 
8,6 Millionen, von 1890 bis 1910 um 15,3 Millionen, gestiegen. 
Müßten früher jahraus, jahrein Hunderttausende von Deutschen in 
fremden Ländern ihr Glück versuchen, so sank die Ziffer der Aus 
wanderer aus Deutschland mit dem Erstarken der kapitalistischen 
Wirtschaft auf ein ganz bescheidenes Mafz herab. Von 1882 bis 
1892 blieb der deutsche Aufzenhandel fast stabil; er erhöhte sich 
nur von 6,4 auf 6,9 Milliarden. Im Jahre 1910 war er auf 16,4 
und im Jahre 1913 auf über 20 Milliarden Mark gestiegen. Alle 
diese Ziffern zeigen, dafz Deutschland in die großkapitalistische 
Aera eingetreten war. Auch das deutsche Großkapital suchte nun 
seinen Betätigungsdrang auf dem Weltmarkt zu befriedigen. An 
die Stelle des kleinbürgerlichen Staatswesens, das seine Landes 
kinder nicht ernähren konnte, war das grofzindustrielle Imperium ge 
treten, das nur den-einen Wunsch hatte, die Ausbeutungsmöglich 
keiten ständig zu erweitern. 
Den deutschen Weltmachtpolitikern war es nunmehr nicht genug, 
dafz Deutschland die stärkste Landmacht besaß, es sollte auch zur 
See die stärksten Trümpfe ausspielen können. Die deutschen 
Kolonien waren bisher nicht viel mehr als eine kostspielige Lieb
	        
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