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Die Zerreißung der Partei

Full text: Geschichte der U.S.P.D. / Prager, Eugen (Public Domain)

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Opposition abdrängen können. Nachher klagte Kolb, der Führer 
der badischen Reformisten, der gleichfalls auf der Reichskonferenz 
geschwiegen hatte, darüber, dalz es dort zu keiner klaren Ent 
scheidung gekommen war, und er stellte in seinem „Volksfreund" noch 
einmal zusammen, wie er sich die weitere Tätigkeit der Sozialdemo 
kratischen Partei vorstellte: 
„Im Ernste kann doch kein vernünftiger Mensch damit rechnen, dalz 
die Männer, die auf dem Boden der Politik des 4. August stehen, künftig 
in der Regel das Budget ablehnen, dalz sie in Prägen der Heeres-, 
Marine-, Kolonial-, Wirtschafts- usw. -Politik dieselbe Haltung ein 
nehmen, welche die Sozialdemokratie vor dem 4. August eingenommen 
hat. Diese politische Neuorientierung der Sozialdemo 
kratie kann aber nicht bis nach dem Kriege verschoben werden, denn 
sie ist die unentbehrliche Voraussetzung für eine Neugestaltung der po 
litischen Verhältnisse im Reiche wie in den Einzelstaaten. Wartet die 
Sozialdemokratie mit der Entscheidung über die Krise, in welcher sie sich 
befindet, bis nach dem Kriege, dann erscheint sie zu spät auf dem Plane, 
um bei der Entscheidung über die politische Zukunft des deutschen 
Volkes ein gewichtiges Wort mitsprechen zu können.“ 
Ebert hatte die Reichskonferenz mit einem Mahnwort zur Einig 
keit, zu gemeinsamem geschlossenen Handeln geschlossen. Bald 
aber sollten die Arbeiter erkennen, was sich für den Parteivorstand 
hinter diesen schönen Worten versteckte. Zwei Wochen danach 
wurde der längst geplante Gewaltstreich gegen den 
„Vorwärts" ausgeführt. Er blieb nicht der einzige Fall seiner 
Art, aber an ihm konnte man am deutlichsten erkennen, welche 
Absichten die Mehrheit des Parteivorstandes verfolgte. 
Am 8. Oktober wurde der „Vorwärts" zum vierten Male in der 
Kriegszeit verboten. Den Anlaß gab ein Artikel, der sich 
gegen die Kanzlerfronde wandte. Bethmann Hollweg war 
zwar den Annexionisten mit seiner Politik soweit es 
irgend ging entgegengekommen. Die Alldeutschen, an 
deren Spitze der Landschaftsdirektor Kapp stand, verlangten 
aber, dalz entweder Bethmann Hollweg sich offen zum rücksichts 
losen Eroberungskrieg bekennen oder seinen Platz einem ihrer Leute 
räumen solle. Der Geschäftsführer des „Vorwärts", der Reichstags 
abgeordnete Richard Fischer, setzte sich mit dem Ober 
kommando der Marken wegen der Aufhebung des Verbotes in Ver 
bindung; den zuständigen Instanzen teilte er mit, dalz die Militär 
behörde die Entlassung der am „Vorwärts“ tätigen Redakteure 
fordere. Zu gleicher Zeit verhandelte der Parteivorstand über das 
Verbot mit Herrn Wahnschaffe, dem Leiter der Reichskanzlei, 
trotzdem bekannt war, dalz selbst der Reichskanzler keinen Einfluß 
auf die Militärbehörden hatte. Auch eine Beschwerde von Haase im 
Reichstag blieb ohne Wirkung. Am 12. Oktober lehnte der Zentral 
vorstand von Grofz-Berlin die geforderte Entlassung der Redakteure 
des „Vorwärts" ab; dagegen wollte er Ressortveränderungen in der 
Redaktion vornehmen, so dalz Ernst Däumig ausschließlich für 
die Ueberwachung der Zensurvorschriften freiblieb. Fischer weigerte 
sich, dieses Anerbieten bei der Militärbehörde zu vertreten. Bei 
dieser Gelegenheit ging schon hervor, dafz Fischer und seine Hinter 
männer dem Oberkommando noch weit mehr Zugeständnisse machen
	        
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