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Ausblick

Full text: Der 9. November / Stampfer, Friedrich (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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Der Krieg hat alle beteiligten Völker in Not gestürzt, die überall 
gleichmäßig zu bekämpfen das solidarische Interesse der Arbeiter in 
aller Welt gebietet. Darum sind wir heute mehr denn je an dem Fort 
schritt des Sozialismus in allen Ländern interessiert, von ihm hängt es 
ab, ob die Arbeiter- oder dis Kapiicilistenklaffe den Sieg in der großen 
Weltumwälzung davontragen wird, die dieser Weltkrieg bedeutet. 
Wissen wir uns also eins mit den Sozialisten aller Richtungen in 
dem Willen zum Sozialismus, so trennt doch nach unserer 
Ueberzeugung uns von den anderen die schärfere Erkenntnis der ge 
gebenen realen Voraussetzungen und der Schwierigkeiten, die sich unseren: ‘ 
Willen entgegensetzen. Sozialismus ist ein Entwicklungsziel und ein 
richtunggebendes Prinzip der Wirtschaftspolitik. Er ist aber nicht eine 
Heilslehre, durch deren Annahme die ganze Welt über Nacht glücklich 
gemacht werden, er ist keine mechanische Form, mit der man die ganze 
Weltwirtschaft durch einen einzigen Hebeldruck, wie einen Hut, mn- 
pressen kann. Sein Objekt ist die Gesellschaft, die aus menschlichen Einzel 
wesen besteht, sein eigenes, inner ft es Wesen ist aber 
höchste Menschlichkeit, drum darf er nicht wie Dschaggernaut 
aus seiner Sicgcsfahrt Menschen zerquetschen, um Prinzipien durch 
zusetzen. 
Bloße Umstülpung der Klassenherrschaft bedeutet nur Ersetzung von 
Routiniers durch Dilettanten, Ersetzung einer durch Altersschwäche duld 
sam gewordenen Regierungsweise durch grausamen Mißbrauch der Macht, 
Entstehung einer neuen Herrscherkaste und eines Schieber- und Wucher- 
kapitalismus, der aus allen Poren Blut und Schmutz triefend zur Welt 
kommt. Unser Ziel ist die Aufhebung der Klassengegensätze, der Weg 
dazu die Demokratie, die bei unserem Stande wirtschaftlicher Entwick 
lung notwendig in den Sozialismus hinüberleiten muß. 
Demokratie ist Volksherrschaft. Wenn die Monarchie so ist, wie der 
Monarch, so ist Demokratie so, wie das Volk ist. Demokratie ist etwas 
anderes in einem Agrarland als in einem hochentwickelten Industrie 
land, etwas anderes bei einem gebildeten Volk als bei einem Volk von 
Analphabeten. Wir glauben, daß die deutsche Arbeiterklasse reif und 
gebildet genug ist, um auf dem Weg über die Demokratie zum 
Sozialismus aufsteigen zu können: wäre dieser Glauben falsch, 
dann gäbe es auch keinen anderen Weg dahin, denn das Schicksal einer 
Arbeiterklaffe, die diese Machtmittel nicht zu gebrauchen verstünde, wäre 
hoffnungslos. 
Die Umwälzung des November 1918 hat nichts Vollkommenes ge 
schaffen, das in seiner Vollkommenheit erstarrt, sondern wieder riur 
etwas Entwicklungsfähiges, Werdendes. Aber ihre Bedeutung wird ver 
kleinert, wenn man verkennt, daß hier dis Arbeiterklasse einem großen 
Staat die Zeichen ihres Geistes aufgeprägt hat. Das arbeitende Volk hat 
aus dem Trümmerfall des Weltkriegs die demokratische Republik Deutsch 
land geschaffen, niemand wird auf die Dauer imstande sein, ihm in 
diesem Hause, das es sich selbst gebaut hat, eine Knechtsrolle aufzu 
zwingen.' Der Kapitalismus ist noch nicht überwunden, und der Kampf 
gegen ihn wird noch lange dauern, aber er wird, wenigstens soweit cs
	        
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