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Richtungskämpfe und Bürgerkrieg

Full text: Der 9. November / Stampfer, Friedrich (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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bundes, beheben, der in den letzten Dezembertagen im Abgeordnetenhaus 
stattfand. Radek, der Abgesandte der Moskauer Regierung, forderte 
dort die deutschen Arbeiter auf, im Bunde mit den roten Armeen Ruß 
lands am Rhein die Entscheidungsschlacht gegen das englische Kapital 
zu schlagen. Zugleich zeigte sich überraschenderweise, daß Rosa Luxemburg 
und Karl Liebknecht von ihren eigenen Anhängern an Radikalismus 
bereits überholt waren. Denn während diese beiden Führer eindringlich 
dazu aufforderten, sich an den Wahlen zur Nationalversammlung, sei ös 
auch nur zu Zmrcken der revolutionären Propaganda, zu beteiligen, 
lehnte der Parteitag die Wahlbeteiligung ab. Der frühere Reichstagsab 
geordnete Otto Rühle predigte die Revolution auf der Straße und 
erklärte: „Wird die Nationalversammlung von Berlin wegverlegt, so 
errichtenwirtn Berlin eine neue Regierun 9." Der Ein 
wand Rosa Luxemburgs, man dürfe sich nicht auf die Formel stellen: 
„Maschinengewehre gegen Nationalversammlung!" fand Widerspruch und 
keinen Beifall. Schließlich wurde mit 62 gegen 23 Stimmen ein Antrag 
Rühle zum Beschluß erhoben, der die Anhänger im Reich auffordert, das 
Zustandekomnien und die Tätigkeit der Nationalver 
sammlung mit allen Mitteln zu verhindern. 
Es blieb nicht bei bloßen Worten. Der Austritt der Unabhängigen 
aus der Regierung wurde das Signal zum Ausbruch des großen Spar 
takusaufstandes, der vom 5. bis 11. Januar 1919 dauerte. Das gesamte 
Zeitungsviertel ging in die Hand der Aufständischen über, heftige 
Kämpfe tobten um einzelne Regierungsgebäude, die Reichskanzlei war 
tagelang eigentlich nur durch den Watt unbewaffneter Menschen geschützt, 
den die herbeigeeilten sozialdemokratischen Arbeiter um sie bildeten. Zu 
gleich konstituierte sich im Marstall eine aus Ledebour, Liebknecht und 
Paul Scholze, dem Vorsitzenden der „revolutionären Obleute", zusammen 
gesetzte Gegenregierung, der ihr ergebene Polizeipräsident Eichhorn leitete 
vom Alexanderplatz aus den bewaffneten Aufstand. 
Streiks im Ruhrrevier, Straßenkämpfe in Dortmund, Bremen, 
Leipzig begleiteten und umkränzten diesen entscheidenden Vorgang der 
sogenannten „zweiten Revolution". 
Die Regierung hatte N 0 s k e beauftragt, die notwendigen Maß 
nahmen zur Wiederherstellung der Ordnung und zur Sicherung der 
unmittelbar bevorstehenden Wahlen einzuleiten. Da die Berliner Garnison 
gespalten und als Ganzes zu einer einheitlichen Aktion nicht zu brauchen 
war, blieb Noskc nichts anderes übrig, als außerhalb Berlins neue 
Freiwilligentruppen zusammenzuziehen. Diesen gut ausgerüsteten und 
straff disziplinierten Truppen gelang es rasch, Berlin von der 
Schreckensherrschaft der Spartakisten zu befreien, leider be 
gingen einzelne ' Elemente unter ihnen dabei selbst Ausschrei 
tungen. die aufs schärfste verurteilt werden müssen. Rosa Luxem- 
bürg und Karl Liebknecht wurden als wehrlose Gefangene ihre 
Opfer. Aber diese unglücklichen Fanatiker hatten selbst den Bürgerkrieg 
entfesselt, und wenn sie als Helden ihrer Ueberzeugung gefallen sind, so 
sind sie doch nicht ohne schwere tragische Schuld. War der Versuch des 
Spartakusbundes, seine eigene Gewaltherrschaft gegen den Willen des
	        
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