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Richtungskämpfe und Bürgerkrieg

Full text: Der 9. November / Stampfer, Friedrich (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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Weise zur Anwendung gebrecht. Schlimmer als der physische Mord ist 
dermoralische Meuche ! mord, den die Spartakisten zu ihrer vor 
nehmsten Waffe erwählten. Wenn sie die Schuld an dem, was sie selber 
wollten, planten und planmäßig herbeiführten, ihren in Notwehr befind 
lichen Gegnern zuzuschieben versuchten, so kann ihnen guter Glauben 
nicht mehr zugesprochen werden, und man muß sich als anständiger 
Mensch mit Abscheu von ihnen abwenden. Noch berechtigter ist 
solcher Abscheu jenen Unabhängigen gegenüber, für deren krank 
hafte Verleumdungssucht gegen ihre früheren Parteigenossen man 
nicht einmal den bei den andern vorhandenen religiösen Wahnsinn als 
niildernden Umstand geltend machen kann. 
Die Stellung der Unabhängigen in der Regierung war dadurch aufs 
äußerste erschwert, daß ein Teil ihrer Partei, unter Ledebours, Däumigs 
und Richard Müllers Führung sich offen dazu bereit zeigte, mit dem 
Spartakusbund zusammen die Regierung gewalisam zu stürzen. Sie 
standen in einem Verhältnis der Solidarität zu den sozialdemokratischen 
Kabinettsmitgliedern, dis ein Teil ihrer Parteigenossen noch immer mit 
erbitterter Feindschaft verfolgte. Sie sollten eine ruhige, gewaltlose Ent 
wicklung der Dinge, Ruhe und Ordnung gewährleisten, während 
der linke Flügel ihrer Partei den S t r a ß e n k a in p f auf seine Fahne 
geschrieben hatte. Durch diese innere Zerrissenheit ihres Anhangs kamen 
sie in die unglücklichste Situation der Welt. 
Die Sozialdemokraten im Kabinett blieben fest bei der demokratischen 
Methode, sie blieben dabei, daß die Nationalversammlung zu 
dem frühesten Termin, zu dem dies technisch möglich war, zu wählen sei, 
daß in ihr der souveräne Wille des Gesamtvolks zum Ausdruck komme, 
den Sozialdemokraten unbedingt respektieren müßten. Die Unabhängigen 
dagegen erklärten sich zwar nicht, wie Däumig und Richard Müller, unbe 
dingt gegen die Nationalversammlung/ suchten sich aber von einer ent 
scheidenden Stellungnahme zu drücken, indein sic für eine möglichst weite 
Hinausschiebung des Wahltermins eintraten. Es schien ihnen schon ein 
großes Zugeständnis, daß sie sich mit der Vornahme der Wahlen in der 
Mitte des April einverstanden erklärten, die Sozialdemokraten aber woll 
ten die Wahlen schon Mitte Januar. Schließlich einigte man sich am 
29. November dahin, den Wahltermin, vorbehaltlich der Zustimmung 
des bevorstehenden Kongresses der A.- und S.-Räte, auf den 16. Februar 
festzusetzen. 
Inzwischen gestalteten sich die inneren Zustände immer bedrohlicher. 
In der V o l k s m a r i n e d i v i s i o n, die das Schloß und das Marstall- 
gebäude beherrschte, hatte die Linke starken Anhang gewonnen. Ver 
handlungen über die Räumung dieser Baulichkeiten blieben ergebnislos 
und wurden durch Löhnungsstreitigkeiten noch verworrener. Die Mann 
schaften ließen sich am 23. Dezember dazu verleiten, die Regierung in der 
Reichskanzlei gewaltsam einzuschließen, wodurch die Regierung oder 
wenigstens ihre sozialdemokratischen Mitglieder — die Unabhängigen 
waren nicht zu Hause! —, die Gefangenen ihrer eigenen Wache wurde. 
Der sozialdemokratische Stadtkommandant Wels wurde gefangen 
genommen und in den Marstall gebracht.
	        
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