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Richtungskämpfe und Bürgerkrieg

Full text: Der 9. November / Stampfer, Friedrich (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

schien, vor keinem blutigen Opfer zurück. So trugen sie ebensowenig wie 
die Schwarmgeister älterer Zeit das geringste Bedenken, um ihres rechten 
Glaubens willen den Religionskrieg, diesmal den sozialistischen 
Religionskrieg, zu entfesseln. 
In uns, die wir die Dings anders sahen, erblickten sie in ehrlichem 
Zorn Abtrünnige, Verräter, und kein Wort schien scharf genug, den nüch 
terner denkenden Sozialisten ihre Verachtung auszudrücken. Sie waren 
fest davon überzeugt, daß diese vom echten Glauben abgefallenen Element? 
zu jedem Schurkenstreich fähig seien. Durch diesen unerbittlichen Eifer 
erheben sie sich turmhoch über die bloßen Spekulanten einer falsch ver 
standenen politischen Konjunktur. 
Für sie gab es mit den „verräterischen Rechtssozialisten" keine Ver 
söhnung. Mit besonderem Ingrimm haßten sie Scheidemann, der sie 
noch vor der Revolution mit vieler Mühe aus dem Zuchthaus und aus 
der Schutzhaft befreit hatte. Unser Bestreben, auch mit ihnen zu einem 
Ausgleich zu kommen, erregte nur ihren Unwillen, sie empfanden es als 
eine Unehrlichkeit. Wir waren für sie, wie für den orthodoxen Juden die 
Verzehrer verbotener Speise, einfach die Unreinen, und die Verbindung, 
die die Unabhängigen mit uns eingegangen waren, erschien ihnen als 
ein Sündenfall. 
Schon vier Tage nach der Regierungsbildung zerschnitt der Spar 
takusbund die Fäden, die ihn bis dahin organisatorisch noch mit der Partei 
der Unabhängigen verbunden hatten. Schon am 19. erklärte der unab 
hängige, aber dem Spartakusbund damals nahestehende Richard 
Müller, der Weg zur Nationalversammlung gehe nur über seine 
Leiche. Schon in der Nacht vom 21. zum 22. erfolgte, von einer Liebknecht- 
Versammlung ausgehend, ein Angriff auf das Polizeipräsidium, wo da 
mals noch Emil Eichhorn residierte. Es folgte der Zusammenstoß in der 
Chausscestraße am 6. Dezember und der Aufruf der „Roten Fahne" gegen 
die Regierung, „die Verbrecherbands, die Putsche, Anarchie, Morde ver 
anstaltet". ani gleichen Tag ein Ueberfall auf den bayerischen Minister 
Auer in München, den man mit vorgehaltenem Revolver zur Abdankung 
zwingt, und die vorübergehende Besetzung Münchener Zeitungsgebäude. 
Am 8. Dezember wird eine bewaffnete Demonstration vor der Reichs 
kanzlei unternommen, Soldaten in der Umgebung der Reichskanzlei, 
denen verboten worden war zu schießen, werden beschimpft, mißhandelt, 
entwaffnet. Die Soldaten erklären, sich nach solchen Erfolgen den 
Gebrauch der Waffen künftighin nicht verbieten lassen zu wollen. 
Kann man alle diese Taten und spätere verstehen, weil ein überhitzter 
Fanatismus sie eingeleitet und eine Anhängerschaft, die man sich nicht 
wühlen konnte, sie ausgeführt hatte, so gibt es für die politische 
Heuchelei, von der sie begleitet werden, kein Verstehen und keine 
Entschuldigung. Während der Spartakusbund die Lehre von der Ver 
meidbarkeit des Bürgerkriegs als eine verräterische Irrlehre verdammte 
und offen den Bürgerkrieg predigte, versuchte er doch immer wieder die 
Schuld an geschehenem Blutvergießen der Regierung aufzubürden. So 
wurde die alte Lehre vom Zweck, der die Mittel heiligt, in der fatalsten
	        
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