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Der Krieg

Full text: Der 9. November / Stampfer, Friedrich (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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landes und Herrin der Lage. Gerade das aber konnten die Macht 
haber nicht wollen. Sie befürchteten von einem Kriegsausgang ohne 
einen scheinpositiven Gewinn die Revolution. Sie sahen in den immer 
dringlicheren Forderungen der Sozialdemokratie nach Demokratisierung 
der Landeswahlcechte und Parlamentarisierung der Regierung den 
Anfang der Revolution selbst. Zu Zugeständnissen entschlossen 
sie sich regelmäßig erst dann, wenn ihnen das Wasser an der Kehle saß. 
Ihre zu- oder abnehmende Neigung, Eroberungszielen abzuschwören und 
demokratische Reformen zu gewähren, wurde auf solche Weise zum 
Barometer der Kriegslage. Schließlich, als diese so elend wie möglich 
war, war auf einmal alles zu haben: gleiches Wahlrecht beider Ge 
schlechter in den .Bundesstaaten, parlamentarisches Regierungssystem, 
sozialdemokratische Minister. Was freiwillig und rechtzeitig gewährt ein 
Beweis unzerbrechlicher Kraft gewesen wäre, wurde, notgedrungen und 
zu spat zugestanden, ein sicheres Anzeichen des eingetretenen jähen 
Kräfteverfalls. 
Im Sommer 1918 begann es weitesten Kreisen des deutschen Vol 
kes klarzuwerden, daß der Krieg verloren war. Die angekündigten 
durchschlagenden Erfolge des unbeschränkten U-Bootkrieges waren aus 
geblieben, an der Westfront machte sich das Gewicht der amerikanischen 
Truppennachschübe, über deren Größe und ungehindertes Passieren man 
die Öffentlichkeit vergebens zu täuschen versuchte, immer deutlicher 
geltend, immer alarmierender wurden die Nachrichten von dem Ver 
sagen der Bundesgenossen. Das durch die Blockade ausgehungerte Volk 
sah keinen Ausweg mehr. In dem gleichen Maße, in dem die Einsicht 
von der unentrinnbaren deutschen Niederlage durchdrang, begann die 
revolutionäre Bewegung um sich zu greifen. 
Im September schied Bulgarien aus dem Bund der Mittelmächte 
aus, die Brücke nach dem nahen Orient brach damit zusammen. Oester 
reich erklärte sich zum Frieden bereit, und die Gefahr einer vollkomme 
nen Isolierung, die auch die ungedeckte Grenze vom Bodensee bis nach 
Oberschlesien feindlichem Angriff offengelegt hätte, stand riesengroß vor 
uns. Am 21. September erfolgte die Mitteilung der Obersten Heeres 
leitung an die Rcichsregierung, däß das Angebot eines Waffenstillstands 
notwendig sei. 
Das war die Lage, in der das vorrevolutionäre Kabinett 
des Prinzen Max von Baden begründet wurde, in das zwei 
Sozialdemokraten, S ch e i d e m a n n und Bauer, eintraten. Erst wäh 
rend der Verhandlungen über dis Regierungsbildung wurde es voll 
kommen klar, daß es nun zu einem langsamen Niedergleiten zu spät gewor 
den war, daß der jähe Absturz unmittelbar bevorstand. In engeren 
sozialdemokratischen Parteikreisen schwankten die Meinungen heftig, ob 
man die Liquidation des Krieges durch die Schuldigen ab 
warten und die ganze Kraft für die spätere Zelt aufbewahren, oder doch 
den Versuch machen sollte, zu retten, was vielleicht noch zu retten war. 
Pflichtgefühl gegenüber dem Volke gab die Entscheidung in letzterem 
Sinne.
	        
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