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Die Verschärfung der Gegensätze zwischen der konterrevolutionären Regierung und den Arbeitern und Matrosen Spartakuskämpfer beginnen das Bündnis zwischen Stadt und Land zu schmieden

Full text: Der Sieg der Arbeiter und Matrosen im Dezember 1918 in Berlin / Wrobel, Kurt (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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ihm allein die Verhandlung zu überlassen, da die Aufregung für die 
betagte Herrschaft zu groß und das gnädige Fräulein nicht kompetent 
dafür sei. Der junge Herr Offizier bei den Rathenower Husaren sei 
noch nicht zurück, er hätte sich aber für morgen angemeldet, um noch 
vor Weihnachten das Gut zu übernehmen. 
Während sich der Inspektor entfernt, taut auch die Stimmung unter 
den Landarbeitern auf. Die meisten sind der Meinung, der gnädige 
Herr wird nichts ’rausrücken, obwohl riesige Kartoffelmieten ange- 
legt sind. Einige Frauen mit abgearbeiteten Händen meinen zutrau- 
lich: ,Müssen wir immer zu allem schweigen?' Wir klopfen lachend 
auf unsere Pistolen und sagen: ,Wir schweigen nicht mehr nach allem, 
was das arbeitende Volk in Stadt und Land in all den Jahren durch- 
machen mußte.' 
Der Inspektor kommt zurück. Er hat die Erlaubnis, uns einen Wispel 
Kartoffeln (20 Zentner) zum ortsüblichen Preis zu verkaufen, wenn 
die Miete ordnungsgemäß behandelt wird. Auch will er den Müller 
beauftragen, uns zehn Sack Brotmehl abzulassen. Wir antworten, wir 
haben heute genug geladen und werden morgen wiederkommen ... 
Am Bahnhof Frankfurter Allee in Lichtenberg angekommen, flitze 
ich vom Wagen und hole einige Genossinnen vom Arbeiter-Sama- 
riterbund. Vier Matrosen gehen durch die Hinterhäuser ausrufen. Im 
Nu ist unser Wagen umringt. Ein Eimer Kartoffeln wird an jeden 
ausgegeben, der die Lebensmittelkarte vorzeigt. Er kostet 50 Pfennig. 
Wir hoffen so, das von uns ausgelegte Geld wieder zu erhalten. Ein 
Straßenbahnschaffner der Linie 71, die hier ihre Endstation hat, gibt 
uns seinen Knipser, und dann legen wir los. Elli, meine Braut, knipst 
jede Lebensmittelkarte, die ihr entgegengehalten wird. Die andere 
Samariterin nimmt das Geld. Freude auf allen Gesichtern. Wir wollen 
noch das Korn loswerden. Einer hat ein Maß aufgetrieben. Wir 
lassen ein Maß auf 10 Pfund abwiegen, also 10 Pfund Brotgetreide 
ebenfalls 50 Pfennig. 
Eine große Menschenmenge hat sich angesammelt. Wir machen eine 
kurze Pause. Ich steige auf das Dach des Lastwagens und halte eine 
kurze Ansprache. Ich sage den Menschen, daß wir die Grüße der 
Landbevölkerung überbringen. 
,Wir sind nicht als Bettler hingefahren, wir haben alles bezahlt, weil 
unsere Freunde auf dem Lande kein Geld haben, keine Aufklärung 
und keine Hilfe. Sie schicken euch, was sie abgeben konnten. Wir 
kommen morgen wieder und geben denen, die nichts zu essen im 
Haus haben, dasselbe Quantum, für denselben Preis.' Ich erzähle auch 
kurz, daß wir ein Gut aufsuchten, wo die sogenannte Herrschaft von 
drei Personen über 3000 Morgen Land verfügt. Zurufe: 'Werft sie 
von der Klitsche herunter, gebt den Bauern das Land. Teilt es unter 
die Landarbeiter auf.' ... Auf der Fahrt zum Schloß sind unsere 
Herzen freudig erregt. Wir haben den hungernden Menschen in 
Lichtenberg geholfen. Wir haben die Landbevölkerung aufgesucht
	        
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