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Full text: Der Sieg der Arbeiter und Matrosen im Dezember 1918 in Berlin / Wrobel, Kurt (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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Von Wieczorek zur Rede gestellt, erklärte Brettschneider, er wisse, daß 
Maschinengewehre aus dem Marstall zum „Lokalanzeiger“ (!) gebracht 
werden sollten; er lasse das nicht zu. Wieczorek forderte ihn auf, sofort 
die Waffe einzustecken. Da schoß Brettschneider auf Wieczorek und 
tötete ihn mit dem zweiten Schuß. Dann richtete er die Waffe gegen 
Dorrenbach, verfehlte diesen, erschoß aber einen Matrosen. Dann traf 
ihn der tödliche Kolbenhieb eines Matrosen auf den Kopf. 
Matrosen kämpfen für eine revolutionäre Ordnung 
in Berlin 
Es gibt eine Reihe von gleichlautenden Aussagen darüber, daß die An- 
gehörigen der Volksmarinedivision überwiegend Berliner Arbeiter 
waren. Die „Freiheit“ schrieb am 17. Dezember 1918, daß die Volks- 
marinedivision zu 90 Prozent aus Berliner Arbeitern bestehe. 
Die politische Haltung der Matrosen war nicht einheitlich. Das hatten 
die Arbeiter in Marineuniform mit der ganzen deutschen Arbeiterklasse 
gemein. Dafür gibt es eine Reihe von Zeugnissen. Sie beweisen zugleich, 
daß Anhänger der Spartakusgruppe und später des Spartakusbundes in 
der Volksmarinedivision stärker vertreten waren, als in der Arbeiter- 
klasse schlechthin. 
Im ganzen trifft für die Volksmarinedivision dasselbe zu, was Genosse 
Ernst Thälmann zehn Jahre später über die politischen Bestrebungen 
der deutschen Arbeiterklasse 1918/19 sagte: 
„Nicht nur die Beendigung dieses einmaligen Krieges, nein, Beseiti- 
gung des ganzen kapitalistischen Systems, Errichtung des Sozialismus 
auf den Trümmern der bankrotten bürgerlichen Gesellschaft — das 
war das Ziel, das den breitesten Massen vor Augen schwebte, wenn 
auch noch Verworrenheit, Unsicherheit, Unklarheit über den Weg zu 
diesem Ziel die Mehrheit der deutschen Arbeiter beherrschten.“*) 
Die Volksmarinedivision stellte im November und Dezember 1918 einen 
bedeutenden militärischen, politischen und auch moralischen Macht- 
faktor in Berlin dar. Sie genoß hohes Ansehen bei den Werktätigen, 
weil sie deren Interessen vertrat, Betriebe und öffentliche Gebäude 
schützte. Als straff durchorganisierte militärische Formation bestand 
sie aus drei Abteilungen, die wiederum in Kompanien unterteilt 
waren. 
Die Abteilung 1, die im Marstall lag, war 1500 Mann stark und schützte 
und bewachte ständig folgende Gebäude: Schloß, Reichskanzlei, zwei 
Reichsbanken, Österreich-Ungarisches Konsulat, Zeughaus, Altes Mu- 
seum, Kaiser-Friedrich-Museum, „Lokalanzeiger“, Ullstein-Verlag, 
„Berliner Tagebelatt“, Zentralhotel, Victoria-Hotel. 
Die Abteilung 2 war 800 Mann stark, anfänglich im Schloß, ab 25. No- 
vember im Lokal von Kistenmacher in der Straße „In den Zelten“ und 
nach dem 6. Dezember im Abgeordnetenhaus stationiert. Diese Ab- 
teilung schützte den Vollzugsrat und seine Dienststellen. 
*) Ernst Thälmann. Reden und Aufsätze zur Geschichte der deutschen Arbei- 
terbewegung, Bd. II, Berlin 1956, S. 12.
	        
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