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Full text: Der Sieg der Arbeiter und Matrosen im Dezember 1918 in Berlin / Wrobel, Kurt (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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sion aktiv an fast allen Kämpfen in Berlin beteiligt. Seine überaus 
lebendigen Schilderungen sind deshalb besonders wertvoll, weil er als 
berufener Augenzeuge das Bild der November- und Dezemberereig- 
nisse 1918, wie es uns von der Geschichte übermittelt worden ist, in 
vielen Einzelheiten ergänzt. Er schrieb seine damaligen Erlebnisse 
1920 auf und rettete diese Aufzeichnungen, unter den Dielenbrettern 
seiner Lichtenberger Wohnung versteckt, über die Zeit des Faschismus 
hinweg. Der Teil seiner Aufzeichnungen, der die November- und 
Dezemberkämpfe 1918 zum Inhalt hat, wird hier erstmalig veröffent- 
licht. Genosse Beiersdorf ist heute Vorsitzender der Betriebsgewerk- 
schaftsleitung im VEB Stuck- und Naturstein in Berlin. 
„Am 10. September 1918 werde ich plötzlich mitten aus einer erregten 
Diskussionsgruppe — es ging um die Streichung der Schwerarbeiter- 
zusatzkarte — vor dem Betrieb Siemens und Halske in Lichtenberg 
mit einigen Männern und zwei Frauen zusammen verhaftet und ins 
Polizeipräsidium Alexanderplatz gebracht. Ich verlasse gefesselt das 
Vernehmungszimmer und werde eingesperrt. Zusammen mit fünf 
Soldaten, alle ebenfalls gefesselt, geht der Transport nach Lucken- 
walde ins Gefängnis ... 
Totenstille im Gefängnis. Hin und wieder tobt ein Gefangener und 
bäumt sich gegen sein Schicksal auf. Die Gefängnisaufseher sind 
merkwürdig still. Sie höhnen nicht mehr über die Uniformen, die 
man uns verpaßt hat, und nicht mehr darüber, daß wir nur eine Ko- 
karde an der Mütze tragen dürfen, also Soldaten zweiter Klasse sind. 
Die Stille wird eines Morgens unterbrochen. Der Wachtmeister, der 
den Kaffee und das Brot ausgibt, ist unruhig und bleich. Der vorbei- 
gehende Oberwachtmeister hat es sehr eilig. Er ist ebenfalls sehr 
nervös. Die Zellentür wird gerade geschlossen, da fallen draußen 
mehrere Schüsse. In unmittelbarer Nähe des Gefänignisses knattert 
ein Maschinengewehr. Dann wieder Ruhe. Plötzlich peitschen wieder 
Schüsse, Menschen brüllen. Zwei Handgranateneinschläge in nächster 
Nähe, dann furchtbarer Lärm im Gefängnishof. In der Stadt läuten 
die Glocken Sturm, ein paar Revolverschüsse knallen unmittelbar im 
Gang. Und dann wird die Zellentür aufgerissen. Zwei Soldaten und 
ein stämmiger Matrose, die Gewehre schußbereit in den Händen, in 
den Gürteln vier bis fünf Handgranaten, treten in die Zelle. 'Warum 
hier?' fragt der Matrose. Ich sage: ,Spartakusgruppe.' Er sagt: 'Komm 
'raus' und drückt mir zwei Handgranaten in die Hand. 
Der Oberwachtmeister, dem die eine Hand blutet, liefert mir seine 
Dienstpistole aus und sagt: 'Für mich ist Schluß.' 
Draußen in den Straßen Luckenwaldes lebhafter Verkehr. Tausende 
Soldaten stehen auf dem Marktplatz und lauschen der Ansprache 
eines riesigen Matrosen. Er ist einer von vielen, die auf Lastwagen 
in Luckenwalde eingetroffen sind. Ich melde mich in der Wachstube, 
wo ein lebhaftes Kommen und Gehen herrscht.
	        
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