Path:
B. I. Die Prozesse gegen Revolutionäre 1. Die Charakterisierung der Revolutionsprozesse

Full text: Klassenjustiz / Schneider, Fritz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

7 
Die Revolutionskämpfer fanden, wo immer auch über sie zu Gericht ge 
sessen wurde, keine milden Richter. Wie konnte es auch anders sein? Standen 
doch Proletarier, Arbeiter, vor Männern, die einer ganz anderen gesellschaft- 
, liehen Klasse entstammten und die in jedem Arbeiter nur den Mob sehen, 
der ihre geheiligten Klassenprivilegien antasten will. D-iese Richter hatten 
vom Geist der Revolution nicht einen Hauch verspürt, und für sie war es 
selbstverständlich, daß das unter Wilhelm II. wohlbewährte Strafgesetzbuch 
in aller Schärfe zur Anwendung zu bringen war. 
2. Untersuchungshaft. 
Bereits im Vorverfahren zu den später stattfindenden Prozessen 
zeigte sich die ganze rücksichtslose Schärfe, mit den man gegen das revolutionäre' 
Proletariat vorzugehen gesonnen war. Sowohl im Januar wie auch im 
Mürz fanden zahlreiche Verhaftungen statt. Die Gründe hierfür waren bis 
weilen so fadenscheinig, daß oft später wieder eine Entlassung erfolgen mußte. 
Hierbei braucht nur an die Verhaftung des Genossen .Däumig erinnert zu werden, 
der gleichzeitig mit Ledebour verhaftet ivurde. Nur dem energischen Vorgehen 
seiner Verteidiger war es zu danken, daß Däumig alsbald wieder entlassen 
wurde, nachdem der Nachweis erbracht worden war, daß gerade Däumig sich 
gegen eine revolutionäre Erhebung im Januar erklärt hatte. Es kam also 
vfsenbar nur darauf an, hervorragende Führer der radikalen Parteien fest 
zusetzen, und da man hierzu im Januar noch nicht das Mittel der Schutzhaft 
hatte, wurde gegen diese Männer irgendwie der Verdacht einer strafbaren 
Handlung konstruiert. Ledebour mußte sogar so lange im Untersuchungs 
gefängnis sitzen, bis er von den Geschworenen freigesprochen wurde. Andere 
Fälle sind bekannt geworden, in denen die Verhaftung nur auf einem 
Versehen beruhen sollte, so z. B. die Verhaftung des Genossen Brandes 
in Magdeburg. Der Haftbefehl wurde gegen die Revolutionäre auch dann 
noch ausrecht erhalten, wenn schon bereits feststand, daß die Verhafteten 
freigesprochen oder nur sehr gering bestraft werden würden. Nach Gründen 
wurde hierbei nicht viel gefragt, galt es doch, einen bestimmten Zweck zu 
erreichen, nämlich vorerst möglichst viele revolutionär gesinnte Männer hinter 
Schloß und Riegel zu bringen. Auch Frauen und junge Leute wurden von 
dem Geschick, unschuldig in Untersuchungshaft zu sitzen, betroffen. So wurde 
ein junges Mädchen, Lina Stockfisch, sechs Wochen in Untersuchungshaft ge 
halten, weil sie angeblich Regierungssoldaten entwaffnet hatte. Der Fall 
klärte sich schließlich dahin auf, daß das junge Mädchen von einem fliehenden 
Regierungssoldaten einen Stahlhelm in die Hand gedrückt bekommen hatte 
und mit diesem Stahlhelm auf der Straße betroffen worden war. Sie 
wurde daher freigesprochen, aber ihre in der Untersuchungshaft beschädigte 
Gesundheit ist ihr nicht wiedergegeben ivorden. Die Zustände in den Unter 
suchungsgefängnissen waren gerade in dieser Zeit grauenvoll, Ivie selbst der 
damalige Gouverneur von Berlin, Schöpflin, zugeben mußte. Es mag hier, 
einmal die Frage aufgeworfen werden, wie viel« von den Richtern, die gegen Ar 
beiter Haftbefehle erlassen haben, sich davon überzeugt haben, welche Zustände in 
den Gefängnissen herrschten und wie die von ihnen in Haft gesteckten Menschen 
hiervon betroffen wurden. Die Antwort hierauf wird lauten müssen: keiner. 
Was kümmerte es sie, wieviel Existenzen durch einen Federstrich vernichtet 
wurden, welche Krankheiten und Leiden die Verhafteten erdulden mußten, 
und ob ihnen jemals Genugtuung gegeben werden konnte, wenn sich ihre Un 
schuld herausstellte. Es handelt sich ja zumeist nur um Arbeiter, um Mob, 
um Gesindel. Im Gegensatz hierzu sind die Gerichte mit Haftbefehlen gegen 
Reaktionäre stets sehr säumig gewesen. Sie wurden meist erst dann erlassen, 
wenn der Beschuldigte bereits geflohen war. So war z. B. ein Leutnant 
Czikalla an der widerrechtlichen Erschießung eines Mannes namens Abrahamson 
beteiligt gewesen. Der Vorfall hatte seinerzeit sogar dem Vorwärts Anlaß 
zu Auseinandersetzungen gegeben. Nach über einem Monat wurde erst ein 
Verfahren eingeleitet und ein Haftbefehl erlassen; derweilen hatte der Herr 
Leutnant natürlich längst das Weite gesucht und gefunden. Recht scherzhaft
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.