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B. IV. Die Justiz und die neuesten Ereignisse 1. Entwicklung zum Kapp-Putsch

Full text: Klassenjustiz / Schneider, Fritz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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zugute hatten wollte, daß sie Me unsere Warnungen und Hinweise auf dir 
drohende Gefahr als Ausfluß einer übertriebenen Kritik auffaßten, so muß dem 
entgegengehalten werden, daß es in den letzten Monaten wahrlich nicht an 
handgreiflichen Beweisen mangelte, die diese Behauptungen vollinhaltlich be 
stätigten. Derjenige muß entweder ein großer Narr oder ein politisches Kind 
sein, der den Vorgängen, die sich am 14. November und den darauffolgendere 
Tagen des Jahres 1918 vor dem Reichstag und in unmittelbarer Nähe des- 
felben aus Anlaß der Vernehmung Hindenburgs und Ludendorffs vor dem 
parlamentarischen Untersuchungsausschuß abspielten, nicht einen ausgesprochenen 
reaktionären und konterrevolutionären Charakter beimißt. Und damals wurde 
ja die Gefahr auch selbst von rechtssozialistischer Seite erkannt und auch als 
solche gewertet. Denn neben den 60 Protestversammlungen, die damals von 
der U. S. P. für Groß-Berlin einberufen wurden und die einen glänzenden 
Verlauf nahmen, versuchte auch die S. P. As. in drei — sage und schreibe drei — 
öffentlichen Versammlungen das Interesse der Oeffentlichkeit aus diese Vor 
gänge zu lenken. Und schwebte nicht außerdem — abgesehen von alle» 
anderen Wetterzeichen — das Beispiel Ungarns unseren republikanischen Staats- 
lenkern vor den kurzsichtigen Augen? 
So trat dann am 13. März endlich ein, was von allen Einsichtige»! 
schon längst in nicht mißzuverftehenden Worten vorausgesagt worden war: die 
monarchisch und reaktionär gesinnte Osfiziersclique, deren verderblicher Ein 
fluß aus die ihnen unterstellten Truppensormationen dank der „einsichtsvollen" 
Politik Noskes durchaus gesichert war, marschierte mit den Baltikumhorden 
auf Berlin. Und all die händeringend vorgetragenen flehentlichen Bitten des 
geprellten Reichswehrministers unseligen Angedenkens an seine ihm „unter 
stellten" Generale, sich doch den einrückenden Baltikumhorden entgegenzustellen, 
wurden lachend abgetan. Da tat die Regierung dasselbe, was sie mit beißendem 
Spott und ätzender Satire in den Novembertagen 1918 an Wilhelm dem Letzten 
nicht ohne Erfolg kritisiert hatte: sie ergriff feige die Flucht. Allerdings 
am dann vom sicheren Port aus die gesamte Bevölkerung zum Widerstand 
gegen die Gegenrevolution aufzurufen. In den meisten Fällen gingen die 
Arbeiter — gleichgültig, welcher Parteirichtung sie angehörten — einfach 
dazu über, die offen konterrevolutionären Einrichtungen, wie Einwohner-« 
wehren, Kriegervereine usw. zu entwaffnen und mit dem auf diese Weise er 
langten Material einen Widerstand gegen die meuternden Baltikumhorden 
zu organisieren. Sie übernahmen also damit eine Funktion, die eigentlich 
von denjenigen geleistet werden mußte, die „zur Vermeidung von Blut 
vergießen" zunächst nach Dresden und spater — als ihnen auch dort der Bode» 
zu heiß geworden war — nach Stuttgart ausgerissen waren. 
Aber gerade dieser Heldenmut, dieses Verteidigen der Republik sollte 
ücr Arbeiterschaft zum Verhängnis werden. Denn als durch den einmütigen, 
Willen des revolutionären Proletariats der Kapp-Lüttwitz-Spuk verflogen war, 
da traten die Meuterer auf den verfassungsmäßigen Boden zurück, wurden von 
derselben Regierung, die eben erst noch feige vor ihnen ausgerissen war, mit 
offenen Armen empfangen und hielten nun unter der revolutionären Arbeiter 
schaft ein furchtbares Gericht. 
2. Maßnahmen gegen die Aufrührer. 
Es wäre eine Selbstverständlichkeit gewesen, wenn die Regierung mit 
allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Meuterer, gegen die 
Landes- und Hochverräter vorgegangen wäre. An handgreiflichen Beweisen 
gegen die Kessel und Kapp, gegen die Bischofs und Lüttwitz und gegen die 
Roßbach-Bredereck, Ehrhardt und Konsorten hat es wahrhaftig nicht gefehlt. 
Aber was erleben wir statt dessen? Trotz der gegen die Meuterer erlassenen 
Steckbriefs gelingt es Kapp — man müßte beinahe behaupten, unter Assistenz 
der polizeilichen Flugzeugstaffel — im Flugzeug, welches selbstverständlich der 
Regierung entwendet wurde, nach Schweden zu entkommen. Die Lüttwitz und 
Bischof entweichen na chPommern oder sonst einem sicheren Hort der Gegen-
	        
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