Path:
B. III. Prozesse gegen Offiziere und Reaktionäre 1. Liebknecht- und Rosa-Luxemburg-Prozeß

Full text: Klassenjustiz / Schneider, Fritz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

14 
den Erzbergerschützen wird man insofern nichts einwenden können, als es 
immerhin anzuerkennen ist, wenn ein Gericht sich bemüht, der Gesinnung 
der Angeklagten Rechnung zn trägem Wann aber erlebte man dieses Ver 
ständnis bei revolutionären und proletarischen Angeklagten. Und woher die 
Milde, die bei Arco die Ueberlegung, die znm Tatbestand des Mordes gehörte, 
verneinte und dem Angeklagten Hirschfeld glaubte, daß er Erzberger nicht 
töten, sondern nur verletzten wollte? Warum gibt es diese Milde nicht auch 
gegenüber 17- und 18-jährigen Arbeitersöhnen, die auch für die gute Sache 
zn kämpfen glauben. Das Schmachvollste, was die Militärjustiz sich jedoch ge 
leistet hat, ist der Marloh-Prozeß. M,an weiß nicht, ob die Frechheit der 
einen großer ist, die es wagt, solche Urteile sachlich zu begründen, oder die Duld 
samkeit der anderen, solche Urteile ruhig hinzunehmen. Monatelang wurde 
der Prozeß verschleppt, alles getan, um den Sachverhalt zu verdunkeln, und als 
nun die ganze Schuld des Mörders trotzdem sonnenklar vor aller ehrlichen 
Menschen Urteil aufgedeckt war, da wird der Mörder freigesprochen oder wenig 
stens so gut wie freigesprochen. Man vergegenwärtige es sich nur in aller 
Deutlichkeit: der vielfache Mörder Marloh läuft frei herum, während ein 
Idealist wie Toller in einer Festung gefangen gehalten wird. 
2. Prozeß gegen den Soldatenschinder Hilter. 
Allem Gerechtigkeitsgefühl spottend ist auch das Verfahren gegen den 
Sv ld a t e n s chin d e r Hiller. Es bedurfte oft des energischen Eingreifens 
der Presse, ehe überhaupt die Justizmaschine gegen diesen Mann, der selbst 
in seinem Zivilberuf ein Diener der Gerechtigkeit sein will, in Bewegung ge 
setzt wurde. Trotz des reichlichen Beweismaterials kam es zunächst zu einem 
lächerlichen Urteil, das einer Freisprechung fast gleichkam. Das Urteil wurde 
teilweise, d. h. so vorsichtig angefochten, daß eine gebührende Bestrafung in 
einer erneuten Verhandlung von vornherein ausgeschlossen war. Immerhin 
wurde nunmehr auf zwei Jahre Gefängnis erkannt. Hieraus ergibt sich 
bereits, wie wenig ernst das erste Gericht seine Aufgabe genommen hatte, und 
wie wenig guten Willen es gehabt hatte, den Menschenschinder zu bestrafen. 
Aber auch das Urteil in der zweiten Instanz ist gegenüber den Urteilen, 
die gegen Arbeiter gefällt worden sind, viel zn milde. Bei Arbaiteru gcnügto 
bisweilen der Besitz eines Handgranatenstieles, um sie standrechtlich zu er- 
schießen, im Falle Hiller lehnte das Gericht den Schlluß ab, daß der Tod Helm 
hakes durch die Mißhandlungen verursacht worden sei und verurteilte den 
Angeklagten nur wegen Körperverletzung. Uebrigens hat der Angeklagte Be 
rufung eingelegt, so daß die Möglichkeit besteht, daß die Strafe wieder herab 
gesetzt wird. Den Revolutionären gewährt man in der Mehrzahl nicht den 
Vorteil mehrerer Instanzen; denn gegen Standgericht und außerordentliches 
Kriegsgericht gibt es keine Rechtsmittel. 
ß. Der Gesellenmordprozeß und der Geiselmordprozeß. 
Als ganz besonders charakteristisch mögen auch zwei Prozesse gegenüber 
gestellt werden, die Taten am gleichen Ort und in der gleichen Atmosphäre zum 
Gegenstand hatten: der Geiselmordprozeß und der Geselleumordprozeß in 
München. Es mag von vornherein betont werden, daß weder die eine noch die 
andere Tat ein Wort der Entschuldigung verdient, es sind Greueltaten, die von 
jedem anständig denkenden Menschen mißbilligt werden müssen. Im übrigen 
aber sind sie durchaus gleichznwerten. Es sind Taten, die in der Erregung einer- 
bewegten Zeit begangen wurden und nur hierin überhaupt eine mensch 
liche Erklärung finden können. Dies wurde im Geseklenmordprozeß auch durch 
aus beachtet und selbst der Staatsanwalt versäumte es nicht, hierauf hin 
zu weisen. So fanden die Angeklagten in diesem Prozeß Richter, die von der 
Milde menschlichen Verstehens erfüllt waren. Wie anders im Geiselmord- 
prozeß. hier waltete rücksichtsloseste Strenge, und die Todesurteile, die gegen 
die sieben Hauptschuldigsten ergingen, waren durchaus nur von dem mittel 
alterlichen Gedanken der Vergeltung getragen. Blut wider Blut, das war
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.