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Volume 32 (204)

Full text: Drucksache (Public Domain) Issue 1946/1948, 1-50 (Public Domain)

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Der hinzugezogene Sachverständige des Baustoff 
handels, Herr KÜnkel, bezeichnet die ermittelten Pro 
zentsätze der Fehlmengen bei losem Material als unter 
dem Durchschnitt liegend, während seines Erachtens 
der Verlustsatz bei Sackmaterial an der Höchstgrenze 
des allgemein anerkannten Kalkulationssatzes für 
auftretenden Materialverlust liegt. Auf der anderen 
Seite behauptet die Abteilung für Bau- und Woh 
nungswesen, daß anfänglich die Baustoffe zum größ 
ten Teil in Säcken angeliefert worden sind und 
schließt daraus, daß die Mengen, über die die Ge 
schäftsführung der Baustoffbeschaffung GmbH, ohne 
Anweisung des Magistrats verfügt hat, bedeutend 
höher liegen müssen als die von der Wirtschaftbera 
tung AG. festgestellten Jahresdurchschnittssätze. Die 
Abteilung für Bau- und Wohnungswesen behauptet, 
daß auf Grund ihrer Errechnungen 9%% der ange 
lieferten Gesamtmenge verschwunden sind, ln ihren 
Ausführungen weist die Abteilung für Bau- und Woh 
nungswesen darauf hin, daß eine zum Vergleich her 
angezogene Firma, die unter denselben Bedingungen 
wie die Baustoffbeschaffung GmbH, arbeitet, nur 
einen Verlustsatz von 3%% ausweist. Demgegenüber 
erklärt wiederum die Baustoffbeschaffung GmbH., 
daß ihre Verlustsätze im Durchschnitt erheblich nied 
riger sind als die des privaten Baustoffhandels und 
daß deshalb die sowjetische Zentralkommandantur die 
Anweisung erteilt habe, daß die Baustoffbeschaffung 
GmbH, nur noch solche Handelsfirmen im Strecken 
geschäft einschalten dürfe, deren Verlustsätze nicht 
höher sind als die der Baustoffbeschaffung GmbH. 
Der Grundsatz der Buch- und Bilanzklarheit ist 
seitens der Geschäftsführung auch bei der buch 
mäßigen Erfassung der Aufwendungen für Repräsen 
tationsgelder nicht in ausreichendem Maße berück 
sichtigt worden. Es stellt einen Handelsbrauch dar, 
daß Vertretern, Einkäufern oder sonstigen Ange 
stellten von Firmen in ähnlicher Vertrauensstellung 
zur Durchführung ihrer Aufgaben seitens der Firmen 
leitung sogenannte Repräsentationsgelder zur Verfü 
gung gestellt werden, aus denen die genannten Per 
sonen berechtigt sind, von Fall zu Fall Aufwendungen 
zur Durchführung ihrer Aufgaben zu bestreiten. Diese 
Aufwendungen finden grundsätzlich zum überwiegen 
den Teil in den Reisekostenrechnungen ihren Nieder 
schlag, sollten aber in der Gewinn- und Verlustrech 
nung besonders ausgewiesen sein. Bei dem derzei 
tigen Warenmangel ist die Handhabung dieses Han 
delsbrauchs insofern geändert, als die Firmen 
leitungen ihren hierfür in Betracht kommenden An 
gestellten oder Mitarbeitern die Waren oder Gegen 
stände, die sie früher nach eigenem Ermessen aus 
den ihnen zur Verfügung gestellten Repräsentations 
geldern beschaffen mußten, möglichst in natura zur 
Verfügung stellen. Demgemäß hat die Geschäftsfüh 
rung der Baustoffbeschaffung GmbH, auch Aufwen 
dungen für den Kauf von Zigaretten gemacht, die sie 
ihren Einkäufern und Vertretern zur leichteren und 
schnelleren Abwicklung ihrer Aufträge aushändigte. 
Diese von der Geschäftsführung gemachten Aufwen 
dungen wurden, wie aus einem vom Rechtsamt unter 
suchten Fall hervorgeht, auf die Reisekostenrech 
nungen umgelegt. Dabei hat die Geschäftsführung 
den Verdacht nicht widerlegen können, daß solche 
Anrechnungen stattfanden, auch wenn an die betref 
fenden Angestellten tatsächlich oder in dem umge 
legten wertmäßigen Umfang Zuteilungen gar nicht 
erfolgt sind. Diese Maßnahmen sind zu beanstanden, 
da sie die tatsächlichen Aufwendungen der Gesell 
schaft verschleiern und einer materiellen Buchprü 
fung nicht die Möglichkeit einer genauen Kontrolle 
geben. Ein solches Vorgehen ist auch im Interesse 
der Geschäftsführung selbst abzulehnen, da sie gege 
benenfalls Anschuldigungen dritter Personen über 
einen sachlich nicht gerechtfertigten hohen Ziga 
rettenverbrauch, wie sie vorliegend tatsächlich er 
hoben worden sind, nur Vorschub geleistet wird. Die 
von der Geschäftsführung für Zigarettenkäufe ge 
machten Aufwendungen müssen als solche in den 
Büchern festgehalten und über die Gewinn- und Ver 
lustrechnung bilanziert werden, damit die tatsäch 
liche Unkostenlage der Firma, in bezug auf die ein 
zelnen Geschäftsvorgänge, klar ersichtlich ist. Auch 
aus steuerlichen Gründen ist das von der Geschäfts 
leitung beobachtete Umlegungsverfahren zu bean 
standen. Denn die Frage, ob diese Aufwendungen in 
der Steuerbilanz als gewinnschmälernde Aufwen 
dungen im Sinne der einschlägigen Bestimmungen 
anerkannt werden, ist ausschließlich vom zuständigen 
Finanzamt zu entscheiden. Dem Finanzamt ist je 
doch eine Entscheidung über diese Frage nur dann 
möglich, wenn diese Aufwendungen tatsächlich ent 
sprechend ihrem Charakter in der Gewinn- und Ver 
lustrechnung ausgewdesen sind. Die Geschäftsführung 
mag sich auch hier der Tragweite ihrer Handlungen 
nicht bewußt gewesen sein. Es muß aber Vorsorge 
getroffen werden, daß in bezug auf die Behandlung 
dieser Geschäftsvorgänge der Grundsatz der Buch- 
und Bilanzklarheit gewahrt bleibt. Der der Geschäfts 
führung in diesem Zusammenhang in der Tagespresse 
gemachte Vorwurf, daß sie die Zigaretten für persön 
liche Zwecke mehr oder weniger verwandt hat, hat 
einer Nachprüfung durch das Rechtsamt nicht Stand 
gehalten. Auf der anderen Seite ist die Geschäfts 
führung aber den Nachweis schuldig geblieben, daß 
der bekanntgewordene Vorgang eine Ausnahme 
darstellt. 
Zumindesten bis Oktober 194-6 hat auch die Lager 
buchführung der Gesellschaft nicht immer den Grund 
sätzen einer ordnungsmäßigen Buchführung ent 
sprochen. Es muß besonders beanstandet werden, daß 
Anweisungen des Geschäftsführers herausgegeben 
wurden, die in ihrer Primitivität nicht der Stellung 
und Bedeutung der Baustoffbeschaffung GmbH, ent 
sprechen. In diesen Anweisungen waren fast durch 
weg die Empfänger der angewiesenen Mengen nicht 
enthalten. Die Herren Schiede und Matthee, die 
früher zeitweise die Einkaufsabteilung leiteten, und 
die als hauptsächlichste Belastungszeugen aufge 
treten sind, behaupten weiterhin, daß sie eine münd 
liche Anweisung erhalten haben, diese handschrift 
lich angefertigten Anweisungen nach Abschluß des 
Geschäftes zu vernichten oder an den Geschäftsführer 
persönlich zurückzugeben. 
Ein Mangel in der Lagerbuchführung muß auch 
darin erblickt werden, daß aus der Buchhaltung die 
tatsächlichen Lagerbestände nicht hervorgehen und 
diese lediglich neben der Buchführung nur statistisch 
ermittelt werden können. Der Einbau eines Zwischen 
kontos bzw. eines Abgrenzungskontos, das die Men 
gen aufzunehmen hätte, die bereits verkauft sind 
und sich somit nicht mehr in dem Eigentum der Ge 
sellschaft befinden, aber noch bei der Firma lagern, 
erscheint unbedingt notwendig. Die Mängel, die in 
der Lagerbuchführung bis Oktober 1946 bestanden, 
wurden auch von dem jetzigen Verkaufsleiter, Herrn 
Sledz, und der Geschäftsführung selbst bestätigt. Bei 
Übernahme seines Arbeitsgebietes mußte Herr Sledz 
eine Verlustbuchung von größerer Menge vornehmen, 
um die Lagerbuchführung annähernd in Überein 
stimmung mit dem tatsächlichen Lager zu bringen 
und um andererseits Fehlabrufe in Zukunft zu ver 
meiden, Die Geschäftsführung exkulpiert sich in 
diesem Zusammenhänge damit, daß die bisherigen 
Verkaufsleiter, insbesondere Herr Schiede und Herr 
Matthee, keine ausreichenden Fachkenntnisse be 
sessen haben. Diese Einwendungen der Geschäftsfüh 
rung können wohl als Erklärung aber nicht als Ent 
schuldigung anerkannt werden. Die Verantwortung 
trägt ausschließlich die Geschäftsführung. 
In den Kreisen seiner Untersuchungen zog das 
Rechtsamt auch die Autokäufe sowie die Aufwen 
dungen für die Reparaturen der gekauften Autos ein, 
zumal die Behauptung aufgestellt wurde, daß auch 
für die Anschaffung der Autos Baustoffmengen (in 
einem Einzelfall werden 300 Ztr. genannt) abgegeben 
sein sollen. Die in dieser Richtung vom Rechtsamt 
getroffenen Feststellungen decken sich mit dem Be 
richt der Wirtschaftsberatung AG., wonach die Ver 
hältnisse durchaus undurchsichtig sind. Es muß als 
ein Mangel in der Organisation der Buchführung be 
zeichnet werden, daß keine klare Trennung zwischen 
den im persönlichen Eigentum des Geschäftsführers
	        
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