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Full text: Verwaltungsbericht des Königlichen Polizei-Präsidiums von Berlin (Public Domain) Issue 1891/1900 (Public Domain)

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Abteilung IV. 
Zufall die ausschlaggebende Rolle spielt, und daß der ganze Geschäftsbetrieb daher 
als unberechtigte Veranstaltung einer öffentlichen Ausspielung gemäß § 286, Abs. 2 des 
Strafgesetzbuches strafbar ist. Es steht zu hoffen, daß durch unnachsichtliche Ver 
folgung aller am Absätze von Schneeball-Gutscheinen beteiligen Personen dieser 
ganze Industriezweig binnen kurzem unterdrückt werden wird, der eine schwere 
Gefährdung des soliden Geschäftes darstellt und gerade die wirtschaftlich schwächsten 
Bevölkerungskreise zu unnützen Ausgaben verleitet. Außerdem werden aber die 
Käufer der Gutscheine auch direkt geschädigt, da der weitere Absatz — wie 
statistisch nachgewiesen ist — bereits in der dritten oder vierten Abnehmerreche 
den größten Schwierigkeiten begegnet und noch späteren Abnehmern einfach un 
möglich wird. 
Einen bemerkenswerten Rückgang haben die Einlieferungen wegen Majestäts 
beleidigung sowie wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt und Beamteu- 
beleidigung aufzuweisen; erstere sind im Laufe des Berichtszeitraumes um mehr 
als die Hälfte im Jahre zurückgegangen, letztere hatten im Jahre 1892 mit 215 
ihren Höhepunkt erreicht und sind bis auf 127 im Jahre . 1900 gesunken. 
Auf etwa gleichbleibender Höhe haben sich in den vergangenen 10 Jahren 
trotz des starken Bevölkerungszuwachses die Einlieferungen wegen Meineides, 
Kindesaussetzung, Raubes und Hehlerei gehalten. Das Gleiche gilt von der Zahl 
der Münzverbrechen. In Berlin werden täglich eüva 20 Falschstücke angehalten, 
deren Verbreitung stets von wenigen festen Stellen aus erfolgt. Die Herstellung 
wird ausschließlich gewerbs- und bandeumäßig betrieben. Eine Reihe solcher 
Banden konnte den Justizbehörden vorgeführt werden. Besonderes Aufsehen er 
regten die mit Hülfe gestohlenen Materiales angefertigten falschen Banknoten des 
Reichsbankbeamten Grünenthal. 
In der Zunahme begriffen sind die Verbrechen und Vergehen gegen die Sitt 
lichkeit einschließlich der Abtreibungen der Leibesfrucht. Nur bei den Einlieferungen 
wegen Kuppelei ist in den letzten Jahren ein Rückgang nachzuweisen, doch beträgt 
auch hier die Gesamtziffer für den Berichtszeitraum 1948 gegen 1221 in den 
Jahren 1880 bis 1890. Bei der Verfolgung der Kuppelei- und Abtreibungs 
anzeigen hat sich die Verwendung weiblicher Polizeiagenten gut bewährt. Eine 
besonders häßliche Erscheinnngsform nahmen verschiedene Sittlichkeitsdelikte in dem 
in den letzten Jahren ganz plötzlich um sich greifenden sogenannten Masseuseu- 
unwesen an. Abtreiberinnen und Kupplerinnen, zumal solche, die sich damit ab 
geben, der geschlechtlichen Perversität Vorschub zu leisten, benutzten als Deckmantel 
ihres verwerflichen Treibens für sich und ihre Helfershelfer die Ausübung der 
Massage und versuchten durch massenhaft verbreitete Annoncen von zum Teil 
durchsichtigster Fassung Kunden und Opfer anzulocken. Als wirksame Gegenmaß- 
regel erwies sich ein Hinweis an die Redaktionen der hierbei bevorzugten Blätter auf 
die Persönlichkeiten der Inserierenden und auf die Möglichkeit eigener Strafbarkeit 
wegen Beihülfe. Das Masseusenunwesen ist zur Zeit im merklichen Rückgänge be 
griffen, wenngleich noch nicht völlig ausgerottet, und wird deshalb als eine schwere 
Gefahr für die Sittlichkeit Berlins weiter mit Aufmerksamkeit verfolgt. Der dem 
Delikt der Kuppelei nahe verwandte Mädchenhandel, dessen Bekämpfung zur Zeit 
vielfach den Gegenstand gesetzgeberischer Erwägungen bildet, ist in Berlin nicht zur 
Beobachtung gelangt. Berlin kommt weder als Gebiet, aus welchem die Händler 
ihre menschliche Ware beziehen, noch als Durchgangsstation für die Transporte 
in Frage. 
Die bereits ermähnte neue Strafbestimmung gegen das Zuhältertum (§ 181a 
des Stras-Gesetzbuchs) entspricht den im Verwaltungsberichte von 1890 — Seite 354 
— enthaltenen Vorschlägen und hat insbesondere auch die dort dringend gefor 
derte Unterbringung der Zuhälter in ein Arbeitshaus für zulässig erklärt. Das 
Gesetz ist erst zu kurze Zeit in Kraft, um ein abschließendes Urteil über seine 
Wirkungen abgeben zu können.
	        
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