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Full text: Verwaltungsbericht des Königlichen Polizei-Präsidiums von Berlin (Public Domain) Issue 1891/1900 (Public Domain)

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Abteilung I. 
An der Hand dieser, schon in einem früheren Urteile dem Sinne nach ent 
haltenen Ausführungen und unter Berufung auf den Wortlaut der Polizeiver 
ordnung vom 10. Juli 1851 und auf die von ihr getroffene Feststellung, was 
als öffetitlich anzusehen sei, erklärte das Oberverwaltungsgericht die Theater 
vorstellungen der Vereine für öffentlich, also der Zensurpflicht nach dieser Polizei- 
verordnung unterliegend. 
Auf Grund dieser Urteile haben die freien Bühnenvereine ihre Satzungen 
einer Durchsicht unterzogen und dahin Vorkehrungen getroffen, daß jetzt thatsächlich 
von einer Öffentlichkeit der Vorstellungen nicht mehr die Rede sein kann. Es 
wird jetzt streng darauf gehalten, daß nur wirkliche Mitglieder der Vereine Zutritt 
zu den Veranstaltungen derselben finden. Die freien Bühnen veranstalten gegen 
wärtig auf verschiedenen Theatern in unregelmäßigem Wechsel Vorstellungen, ge 
legentlich auch Sommervergnügungen oder litterarische oder musikalische Unter 
haltungsabende. Grund zum zensurpolizeilichen Einschreiten haben diese Ver 
anstaltungen nicht wieder gegeben. 
VII. Vorstellungen an Sonn- und Feiertagen. 
Eine wesentliche Änderung trat in der Berichtszeit ein bezüglich der Be 
einflussung des Theater- oder theaterähnlichen Betriebes an den Sonn- und Feier 
tagen. Früher bestanden keinerlei feste Vorschriften bezüglich der Heilighaltnng der 
Sonn- und Feiertage von Seiten der Theater u. s. w., es hatte sich aber dies 
bezüglich eine ganz bestimmte, in ständig wiederholten Tagesbefehlen niedergelegte 
Praxis entwickelt. Als durch die Gewerbeordnung die kaufmännische Sonntags 
ruhe zur Einführung gelangt war, erschien es angebracht, auch für die Heilig 
haltung der Feiertage auf dem Gebiete der öffentlichen Vergnügungen Sorge zu 
tragen, und so erging dann auf Anweisung des Königlichen Staatsministeriums 
eine Polizeiverordnung „über die äußere Heilighaltung der Sonn- und Feiertage" 
vom 10. Oktober 1896, welche dann nach einer Revision ihrer Bestimmungen durch 
die Polizeiverordnung vom 19. März 1898 ersetzt wurde. Der für das Theater 
wesen allein in Betracht kommende § 12 dieser Polizeiverordnung') heißt in den 
bezüglichen Sätzen: 
„1. Am Charfreitage und am Bußtage sind alle öffentlichen Lustbarkeiten mit 
Einschluß der Gesangs- und deklamatorischen Vorträge, Schaustellungen 
von Personen, theatralische Vorstellungen und Musikaufführungen verboten. 
Nur geistliche Musikaufführungen (Oratorien) sind gestattet. 
2. In der Charivoche und an den ersten Tagen der drei großen Feste 
(Weihnachten, Osten: und Pfingsten) sind verboten 
a) öffentliche Tanzlnstbarkeiten und Bälle, 
b) Gesangs- und deklamatorische Vortrüge, Schaustellungen von Personen, 
theatralische Vorstellungen und alle Musikaufführungcn, falls nicht der 
ernste Charakter gewahrt ist; Vorträge, Schaustellungen und Musik- 
aufführungen in Cafes chantants (Tingcl-Tangel). 
Die Bestimmung unter b findet keine Anwendung ans die Vor 
stellungen in den Theatern in eigentlichem Sinne, d. h. solchen, deren 
Zweck es ist, Schauspielvorstellungen zu veranstalten, bei welchem ein 
höheres Interesse der Kunst obwaltet; 
3. Die Vorschriften der Ziffer 2 gelten gleichmäßig für den dem Andenken 
der Verstorbenen gewidmeten Jahrestag, jedoch mit der Maßgabe, daß 
an diesem Tage auch bei den Theatern im eigentlichen Sinne der ernste 
Charakter gewahrt sein muß. 
') Bezüglich des sonstigen Inhalts dieser Polizeiverordnung wird auf den Bericht der 
Gewerbe- und Marktpolizei über die Sonntagsruhe (zu v) verwiesen.
	        
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