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Full text: Verwaltungsbericht des Königlichen Polizei-Präsidiums von Berlin (Public Domain) Issue 1881/1890 (Public Domain)

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Sitten - Polizei. 
Das Büreau-Personal der Sitten-Polizei besteht aus einem Bureau-Vorsteher 
und 11 Registratur-Beamten, von denen zwei ausschließlich mit der Vernehmung der 
sistirten Dirnen beschäftigt sind. 
In sachlicher Beziehung ist durch die Vereinigung mit der Kriminal-Polizei das 
Geschäftsgebiet der Sitten-Polizei insofern kleiner geworden, als die Bearbeitung 
von Kuppeleisachen auf die Kriminal-Polizei übergegangen ist, die indeß, so weit es 
sich um die Begünstigung der von Prostituirten betriebenen Unzucht handelt, von 
der Sitten-Polizei bei Herbeischaffung des Überführungsmaterials unterstützt wird. 
In lokaler Beziehung hat durch das Gesetz vom 12. Juni 1889, welches in Ver- 
bindung mit dem Ministcrial-Erlaß vom 3. Februar 1890 die Ausübung der Sitten- 
Polizei in den Amtsbezirken Rixdorf, Schoneberg, Deutsch-Wilmersdorf, Lichtenberg, 
Reinickendorf, Weißensee und Stralau-Rummelsburg dem Polizei-Präsidenten voil 
Berlin übertragen hat, das Thätigkeitsfeld der Berliner Sitten-Polizei eine nicht 
unerhebliche Erweiterung erfahren. In Ausführung dieses Gesetzes ist angeordnet 
worden, daß die für Berlin geltenden Kontrolvorschriften auf die von dem Gesetz 
betroffenen Vororte ausgedehnt werden und daß die Einschreibung der dort wohnenden 
oder sich umhertreibenden Prostituirten nicht mehr durch die Amtsvorsteher, sondern 
durch die Berliner Sitten-Polizei, welcher die Dirnen vorzuführen sind, zu geschehen hat. 
Die Exekutivbeamten der Sitten-Polizei haben die Pflicht, die Aufrechthaltung 
der Kontrolvorschriften zu überwachen. Die Bezirkswachtmeister ordnen in regel 
mäßigen Appellen den täglichen Dienst, indem sie die ihnen unterstellten Schutz 
männer zu nächtlichen Patrouillen, sowie zur Revision der in dem Kontrolbezirk 
belegencn Hurenquartierc, Schanklokale mit weiblicher Bedienung, Tanzlvkale, Theater, 
Tingeltangel, Konzertgärtcn u. s. w. komniandircn. Bei Aufträgen besonders ge 
fährlicher Art können die Schutzmänner mit den zu diesem Zweck der Sitten-Polizei 
überwiesenen Revolvern bewaffnet werden, sie nehmen daher auch Theil an den 
von der Abtheilung IV veranstalteten Schießübungen. 
Die zum Zwecke der Anlockung von Männern umherschweifenden Dirnen werden 
von den Patrouillen nach dem nächsten Polizei-Revier sistirt, am folgenden Tage 
in den Dicnsträumen der Sitten-Polizei ärztlich untersucht und wenn sie krank be 
funden werden, sofort nach der Charitö gebracht, andernfalls dem Richter vorge 
führt oder wenn sie noch nicht eingeschrieben sind, entweder mit Verwarnung ent 
lassen oder unter Kontrolc gestellt. Die Befugniß der Polizeibehörde, lüderliche 
Frauenspersonen im sittenpolizeilichen Interesse zur Polizeiwache zu sistiren, auch 
wenn die Voraussetzungen der polizeilichen Festnahme nicht vorliegen, ist in der 
reichsgerichtlichen Entscheidung vom 11. Januar 1881 (Entsch. Bd. 3 S. 105) 
anerkannt worden. Mißgriffe bei Sistirungen kommen äußerst selten vor. 
Die Tanzlokale sind, nachdem den Inhabern durch die Verordnungen vom 
25. April und 3. Mai 1879 zur Pflicht gemacht worden war, um 12 Uhr zu 
schließen, von den sonst dort regelmäßig verkehrenden Prostituirten, die nichts inehr 
verdienen konnten, allmählich verlaßen worden und verödeten schließlich. Die früheren 
Besucherinnen wandten sich theils dem Straßcngcwerbe zu, theils zogen sie in die 
Wiener Cafes, denen sie auch zahlreiche männliche Gäste zuführten. Auf diese 
Weise trat die Prostitution mehr in die Öffentlichkeit mit) das bedeutete eine Ver 
schlechterung der sittlichen Zustände. Deshalb ist im Jahre 1886 die Polizeistunde 
für die Tanzlvkale bis 2 Uhr ausgedehnt worden und seitdem üben dieselben 
wieder größere Anziehungskraft aus. Die Wiener Cafes sind freilich ein Sammelort 
der Prostitution geblieben und die Stunden lang auf bestimmten Plätzen eines Be 
gleiters harrenden geschminkten Dirnen bieten ein häßliches Bild. Da indeß in 
diesen Lokalen, welche nur zur Nachtzeit besucht und von dem anständigen Publikum 
gemieden werden, grobe Ausschreitungen nur selten vorkommen und da sie der 
ungleich widerwärtigeren lind verderblicheren Straßen-Prostitution wirksam Abbruch 
thun, kann ihre Schließung vom sittcnpolizeilichen Standpunkte aus nicht einmal
	        
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