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Full text: Verwaltungsbericht des Königlichen Polizei-Präsidiums von Berlin (Public Domain) Issue 1881/1890 (Public Domain)

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Sitten - Polizei. 
großen Theil der Lohndirnen die von ihnen betriebene Gewerbsunzucht juristisch nicht 
nachgewiesen werden kann, würden die Ausschreitungen der Prostitution, die Gefahr 
für die öffentliche Moral und die öffentliche Gesundheit durch die geforderte Straf 
schärfung kaum verringert werden. Von anderer Seite ist verlangt worden, daß 
eine mit Zwangsuntersuchung verbundene polizeiliche Aufsicht erst eintreten soll, 
wenn eine gerichtliche Bestrafung wegen Gewerbsunzucht erfolgt ist. Dieses Ver 
fahren müßte zur Folge haben, daß nur ein sehr kleiner Theil der Prvstituirten 
von der Kontrole betroffen würde. In Theatern, Konzerteil, Gärten würde die 
Prostitution sich breit inachcn und das anständige Publikum verdrängen, ohne daß 
polizeilich eingeschritten werden könnte. 
Den Zweifeln an der Nützlichkeit der regelmäßigen ärztlichen Untersuchuilg läßt 
sich durch die statistischen Aufzeichnungen leicht begegnen. 
Bei der Untersuchung der Dirnen wurdeil 
von den unter Kontrole stehenden: 
von den nicht kontrolirten: 
1886 nur 
0,9 Prozent, 
aber 15 Prozent, 
1887 
0,9 
- 21 
1888 
1,17 
- 20 
1889 
1,34 
- 22 
1890 - 
geschlechtskrank befunden. 
1,60 
- 23 
Muß hiernach im öffentlichen Interesse die polizeiliche Kontrolirung und ins 
besondere die damit verbundene Zwangsuntersuchung für eine unentbehrliche Maß 
regel erachtet werden, so machen doch die schweren Folgen derselben die Anwendung 
erböhter Sorgfalt nothwendig. Deshalb erfolgt die Einschreibung, sofern die un 
züchtig umherschweifenden, von den Beamten der Sittenpolizei aufgegriffenen Dirnen 
nicht erklären, daß sie ihr schimpfliches Gewerbe fortzusetzen gesonnen sind, erst nach 
vorausgegangener wiederholter Verwarnung und kann auch dann noch abgewendet 
werden, wenn die Mädchen einer der Anstalten, welche die Besserung Gefallener zur 
Aufgabe haben, dem Magdalenenstift, der Bcthabara-Stiftung des Pastor Behrend 
in Weißensee oder der Zufluchtsstätte in der Trebbiner Straße sich zuführen lassen. 
Die Bereitwilligkeit hierzu ist freilich nur in zwei Fällen erklärt worden. Es ist 
sehr zu beklagen, daß die der Prostitution verfallenen Mädchen gegen diese wohl 
thätigen Anstalten, insbesondere gegen das Magdalenenstift, eine unüberwindliche 
Abneigung haben, weil sie angeblich dort zu streng gehalten und mit Arbeit über 
mäßig angestrengt werden. Durch Verfügung vom 2. Mai 1886 ist angeordnet 
worden, daß die Stellung unter Kontrole in einem motivirten, von dem Abtheilungs 
Dirigenten zu unterzeichnenden Beschlusse auszusprechen ist und das vorangehende 
Verhör sich auf die Umstände und Ereignisse, durch welche die Frauenspersonen der 
Prostitution zugeführt worden sind, zu erstrecken hat, ferner daß die unter väter 
licher oder vormundschaftlicher Gewalt stehenden Dirnen erst dann unter Kontrole 
gestellt werden dürfen, wenn die an den gesetzlichen Vertreter zu richtende Auf 
forderung, die Schutzbefohlenen in einer anständigen Familie unterzubringen, ohne 
Erfolg geblieben ist. Die Absicht, von der Einschreibung solcher Dirnen, welche das 
sechzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, ganz Abstand zu nehmen, hat auf 
gegeben werden müsien, weil diese jugendlichen Sünderinnen nicht selten einen solchen 
Grad von Verkommenheit und Verworfenheit zeigten, daß die Rücksicht auf das 
öffentliche Wohl dazu nöthigte, sie unter Aufsicht zu stellen. 
Doch ist die Zahl der vor Vollendung des 16. Lebensjahres eingeschriebenen 
Mädchen nur gering, sie betrug im Jahre 
1886 — 7 
1887 — 5 
1888 — 5 
1889 — 7 
1890 — 6
	        
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