Path:

Full text: Verwaltungsbericht des Königlichen Polizei-Präsidiums von Berlin (Public Domain) Issue 1881/1890 (Public Domain)

Verbrecher-Albuin. 
343 
Auch die über Hochstapler, Püderasten, Spieler, Ordensschwindler, reisende 
Taschendiebe, ungarische Gauner u. s. >v. geführten Sammelakten ergänzen das 
Verbrecher-Album. 
In den letzten 10 Jahren sind mehr als 1000 Gewohnheitsverbrecher, vorzugsweise 
Schlafstellendicbe und Gauner, ausschließlich durch Rekognitionen der Photographien er 
mittelt worden. Diese Einrichtung, welche von allen größeren Polizei-Verwaltungen 
nachgeahmt worden ist, hat sich daher trefflich bewährt, doch muß auch bei Be 
nutzung dieses Hülfsmittels große Vorsicht angewendet werden. Denn, wenn scbon 
bei persönlicher Gegenüberstellung irrtbümliche Rekognitionen zu den täglichen Vor- 
kommniffen gehören, so ist dies naturgemäß bei der Vorlegung von Bildern, die 
häufig schon vor längerer Zeit angefertigt wurden, noch viel häufiger der Fall. 
Da der Viagistrat den Antrag, in dem neuen Polizei-Dienstgebäude ein photo 
graphisches Atelier einzurichten, abgelehnt hat, so geschehen die photographischen 
' Aufnahmen in einem zu diesem Zweck hergerichteten Dienstzimmer mittels Blitzlichtes. 
Das hat zwar den Vortheil, daß die regelmäßig nur sehr kurze Zeit im polizeilichen 
Gewahrsam befindlichen Verbrecher ohne Rücksicht auf die Tagcs-Beleuchtung photo- 
graphirt werden können, aber das Blitzlicht ist kein voller Ersatz für Helles 
Tageslicht. Widerstand wird den photographischen Zwangs-Aufnahmen selten 
entgegengesetzt, doch komint es vor, daß die Verbrecher das Gesicht verzerren, um die 
Ähnlichkeit zu verhindern. 
Das in Paris eingeführte antbropometrische System von Bertillon ist hier 
bisher nur insofern in Anwendung gebracht worden, als zur Vervollständigung der 
Personenbeschreibung mit den aus Paris bezogenen Instrumenten - compas d’epaisseur, 
compas ä giissiere, petit compas ä glissiere — die Kopflänge, Kopfbreite, der 
linke Mittelfinger und der linke Ellbogen der festgenommenen Gewohnheitsverbrecher 
gemessen werden. Die Einrichtung eines Service d’identification in dem Umfange 
wie es in Paris, angeblich mit großem Erfolge, eingeführt ist, würde einen großen 
Apparat erfordern und kann als dringendes Bedürfniß wenigstens für jetzt noch 
nicht anerkannt werden, da es nicht häufig vorkommt, daß Verbrecher in dem Laufe 
der Voruntersuchung nicht identifizirt werden können. 
Ein kriminalistisches Museum — eine Sammlung der zur Ausübung von Ver 
brechen benutzten Werkzeuge — ist im Jahre 1890 angelegt worden. 
Die Unterstützung des Publikums bei der Erforschung strafbarer Hand 
lungen ist um so unentbehrlicher, je größer das Gemeinwesen ist. Dem Polizei- 
Präsidium wird dieselbe nicht in dem wünschcnswerthen Umfange zu Theil. Nur 
wenn Belohnungen auf die Ergreifung des unbekannten oder flüchtigen Thäters 
ausgesetzt sind, geht reichliches aber meist wcrthloses Material ein, sonst fließen die 
Mittheilungen spärlich, soweit nicht eigene Jnterefien im Spiel sind. Die Berliner 
Bevölkerung verfolgt zwar mit Jntercfie die Ereignisse auf kriminalpvlizcilichem 
Gebiet, aber ein großer Theil derselben hat eine entschiedene Abneigung vor der 
Berührung mit Polizei- und Gerichtsbehörden. Das ist freilich begreiflich, denn 
die gerichtlichen und polizeilichen Vernehmungen siiH nicht nur mit Umständen und 
Versäumnissen verknüpft, sondern habe» wobl auck, Anfeindungen im Gefolge, die 
nicht selten in der ungerechtfettigten Beschuldigung des Meineids oder anderen 
Racheakten gipfeln. Daher kommt es, daß Wahrnehmungen, welche eine schnelle 
und vollständige Aufklärung des Sachverhalts bewirken würden, den Behörden sehr 
oft vorenthalten werden. Doch sollte die Rücksicht auf das gemeine Wohl, 
welches verlangt, daß verbreck,erische Eingriffe in die Rechtssphäre Anderer nicht 
ungesühnt bleiben, Besorgnific vor Unannehmlichkeiten der bezeichneten Art zurück 
drängen. 
Um die Unterstützung des Publikums zu gewinnen, bedarf es der Vermittlung der 
Tagesprefie. Amtliche Bekanntmachungen werden in den breiten Schichten des 
Volkes wenig gelesen; was zur allgemeinen Kenntniß gelangen soll, muß in dem
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.