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Full text: Verwaltungsbericht des Königlichen Polizei-Präsidiums von Berlin (Public Domain) Issue 1881/1890 (Public Domain)

Strafanstalt Moabit. 
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Jnhaflirt waren im Etatsjahre 1890 91 20 145 Personen, nnd zwar zur Ver 
büßung von: Polizeistrafen. . . . 9 092 Männer und 2 018 Weiber, 
Schulstrafen .... 329 - - 224 - 
Militärstrasen . . . 679 - - — - 
Vorläufig festgenommene 6 342 - - 1 461 
zusammen 20 145 Personen. 
Außerdem befinden sich in der Anstalt zur Besorgung der Hausarbeit 
8 Corrigenden (6 Männer und 2 Weiber), welche nach Bedarf ergänzt und 
vollzählig erhalten werden. Die Zellen selbst werden von den darin befindlichen 
Gefangenen gereinigt und in Ordnung gehalten. 
Das Beamtenpersonal besteht aus 1 Inspektor, 2 Sekretären, 1 Hülfs- 
schrciber, 1 Hausvater, 1 Ober-Aufseher, 9 Aufsehern und 2 Aufseherinnen. 
Ein Lazareth besitzt das Gefängniß nicht; leichte Erkrankungen werden nach 
Anordnung des Anstaltsarztes, der täglich um 11 Uhr Vormittags auf Verlangen 
sich einfindet, in der Gefangenenzclle behandelt. Zu dieseni Zweck steht auf der 
IV. Station ein Medizinspindc mit Medikainentcn und Verbandzeug zur Verfügung. 
Sind Personen jedoch ernstlicher erkrankt, so werden sie aus Anordnung des 
Arztes sofort der Eharite überwiesen. 
Weder Gottesdienst noch Schul- oder Religionsunterricht findet hier 
statt, da sämmtliche Gefangene sich immer nur sehr kurze Zeit im Gefängniß befinden. 
Arbeitsbetricb kann deshalb ebenfalls nicht eingerichtet werden. 
Das Gefängniß besitzt eine kleine Bibliothek, bestehend aus 25 neuen 
Testamente», 25 Gesangbüchern, 5 Gebetbüchern für Katholiken und 38 Bänden 
verschiedenen Inhalts, die nach Bedarf auf Verfügung der Inspektion verabfolgt werden. 
3. Die Straf-Anstalt Moabit 
dient als Zuchthaus und hat sich vermöge ihrer besonderen, den Besserungszweck 
in den Vordergrund stellenden Einrichtungen und Dank der verdienstvollen Thätigkeit 
ihres gegenwärtigen Leiters, zu einer Musteranstalt ersten Ranges erhoben. 
Aufgabe lind Bestimmung ist der Anstalt durch die Allerhöchste Cabinctsordre vom 
26. März 1842 vorgezeichnet, welche ihre Errichtung anordnete, mit der Weisung: 
„diejenigen zu Zuchthausstrafe Verurtheilten, welche noch nicht im Verbrechen 
verkommen sind, durch den Strafvollzug in Einzelhaft vor weiterem Versinke» 
in das Verbrechen zu bewahren." 
Es war hierbei festgesetzt ivorden, daß aus den Bezirken des Kammergerichts 
imb der Militärgerichte des Gardekorps und des dritten Armeekorps nur die zuni 
ersten Male zu Zuchthausstrafe Verurtheilten, wenn sie das 40. Lebens 
jahr noch nicht überschritten hatten, eingeliefert werden sollten. 
Als im Laufe der Jahre unter der veränderten Gesetzgebung und Rechtsprechung 
in viel weiterem Umfange auf Gefängnißstrasc, statt auf Zuchthausstrafe erkannt 
wurde, stellte es sich heraus, daß unter den Eingelieferten, namentlich unter den 
über 25 Jahre alten, sich eine große Anzahl von Personen befand, tvelche, oft schon 
zu Gefängnißstrafe verurtheilt, sich als unverbesserliche Gewohnheitsverbrecher aus- 
wiesen, während jüngere Verurtheilte von der Aufnahme ausgeschlossen waren, welche, 
auch wenn sie schon eine Zuchthausstrafe verbüßt hatten, doch Aussicht auf Rettung 
vor dem Verfalle in das Gewobnheits-Vcrbrechcrthum boten. 
In Folge der Bestimmung de§ 8 22 des Reichs-Straf-Gesetzbuches, daß die 
Dauer der Einzelhaft ohne Zustimmung des Gefangenen die Dauer von drei Jahren 
nicht nberscbreiteii dürfe, war die weitere Einlieferungs-Beschränkung hinzugefügt
	        
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