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Volume II. Geschäftsberichte Abtheilung I 13. Sanitäts- und Medicinalpolizei

Full text: Verwaltungsbericht des Königlichen Polizei-Präsidiums von Berlin (Public Domain) Issue 1871/1880 (Public Domain)

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Vergehen gegen $ 29 und 30 der Gewerbe-Ordnung. 
aller Art bet Erwachsenen und Kindern durch dl. dt.'s Natnrhcilmethode. Seit 1850 
in Tausenden vvn Fällen bewährt. Erforscht vom Naturarzt di. dl." 
Er wurde durch Erkenntniß des Stadtgerichts vom 6. Januar 1879 nur zu 
30 Mark Geldstrafe oder 3 Tagen Haft vcrurtheilt, obgleich er ivegen ähnlicher 
Vergehen schon mehrfach bestraft tvar. — 
Im Widerspruch hiermit lehnte im Jahre 1880 die Staatsanwaltschaft die 
Verfolgung eines Anderen, der sich unter ganz gleichen Verhältnissen als „Natur- 
Arzt" bezeichnete, ab, »veil diese Bezeichnung nicht geeignet sei, beim Publikum den 
Irrthum zu erregen, daß derselbe eine approbirte Medicinal-Person sei. 
Aehnlich verhält es sich mit der Bezeichnung „Dentist". Ein hiesiges Schöffen 
gericht sprach einen „Dentisten", einen Barbier, frei, well es annahm, daß das eng 
lische Wort „dentist“ Zahntechniker, aber nicht Zahnarzt bedeute. Dieser Auf- 
faffung tritt die Staatsanwaltschaft im Allgemeinen nicht bei, well nach dem Gutachten 
des gerichtlichen Translators das Wort „dentist“ in England im gewöhnliche» 
Leben sowohl Zahnarzt als Zahntechniker bedeutet. 
Von noch anderer Seite ist Gewicht darauf gelegt worden, ob diese Bezeichnung 
„dentist“ oder „dentistc“ geschrieben gewesen sei, da „dentist“ (englisch) Zahn 
techniker bedeute, „dentiste“ (französisch) dagegen Zahnarzt. Daß diese feinen Unter 
scheidungen vom Publikum nicht gemacht und verstanden werden können, dürfte aus 
der Hand liegen. 
Fiir das Publikum verwirrend ist es auch, wenn solche Heilkünstler, wie z. B. 
ein bereits viel bestrafter Dr. med. (d. h. Philadelphias), ihrem Geschäftszimmer 
die Bezeichnung „Poliklinik" oder „Heilanstalt" beilegen. Es wird seitens der 
Staatsanwaltschaft hierin etwas Strafbares nicht erkannt. In den für Süddeutsch 
land oder die Provinz bestimmten Reclamen bezeichnen sich diese Heilkünstler häufig 
als „Dircctor der Hcilaitstalt für re. zu Berlin". Da die ganze Heilanstalt in dem 
Zimmer besteht, in tvclchcm der „Director" seine Kranken empfängt, bedarf es na 
türlich einer Concession zur Errichtling einer Privat-Kranken-Anstalt nicht. Die Sache 
liegt also auch hier noch sehr im Argen. 
Zur Verurtheilung gelangten im Jahre 1879 aus § 147 Nr. 3 der Gewerbe- 
Ordnung 14 Personen und erhielten eine Strafe von durchschnittlich 50 Mark; iin 
Jahre 1880 6 Personen mit einer Strafe von nur 27 Mark durchschnittlich. 
Außcrdcin wurde jedoch iin Jahre 1879 noch ein bereits mehrfach wegen Be 
truges vorbestrafter Commis tvcgen Betruges und Annahme des Doctortitels zu 1 Jahr 
6 Monaten Gefängniß und 1880 ein Droguist und „Doctor" wegen Betruges ztl 
4 Wochen Gefängniß vcrurtheilt, weil sich in diesen Fällen die Erregung eures 
Irrthums und die Vermögens-Beschädigung nachweisen ließen. 
Personen, welche das Hebammen-Gewerbe ausübten, ohne das Prüfungs 
Zeugniß als Hebammen zu besitzen, wurden 1879 in fünf Fällen mit durchschnittlich 
82 Mark, 1880 in acht Fällen mit durchschnittlich 114 Mark bestraft. 
Die Höhe der Strafe gegenüber denen, mit welchen die sich als Aerzte bezcich- 
nenden Heilkünstler belegt worden sind, erklärt sich zum Theil daraus, daß einzelne 
Verurtheilte sich in vielfad) tvicderholtein Rückfall befanden. 
Es sind meistens sogenannte Wickelfrauen, welche von den beschäftigteren Heb 
ammen als Gehülfinnen benutzt werden, für sic die Kinder baden, die Wöchnerinnen 
reinigen oder wohl auch, wenn die Hebamme mehrfach besetzt ist, an ihrer Statt eine 
Kreißende besuchen uitd so allmählig zur völligen Selbständigkeit des Gewerbebetriebes 
sich entwickeln. Zur Bestrafung gelangen sie, wenn von Zeit zu Zeit mal eine Heb- 
ainme, der sie zu lästige Cvncurrenz machen, Anzeige gegen sie erstattet oder wenn 
sic einmal mit ihren Kunden ivegen des zu zahlenden Lohnes in Streit gerathen.
	        
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