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Volume II. Geschäftsberichte Abtheilung I 13. Sanitäts- und Medicinalpolizei

Full text: Verwaltungsbericht des Königlichen Polizei-Präsidiums von Berlin (Public Domain) Issue 1871/1880 (Public Domain)

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Maßnahmen gegen besondere Krankheiten. 
H. Saiiitälsposizeiliche Maßnahmen gegen besondere Krankheiten. 
1. In Betreff der Kindersterblichkeit. 
a) 3w Allgemeinen. 
Alle Maßnahmen, welche im allgemeinen sanitären Interesse zur Reinhaltung 
des Erdbodens der Stadt, der Gewässer, der Luft in den Straßen, wie in den 
Wohnungen, getroffen werden, kommen erfahrungsmäßig den Kindern im ersten 
Lebensjahre ganz besonders zu Gute, können jedoch in diesem Abschnitt keine besondere 
Berücksichtigung finden; vielmehr sollen hier nur diejenigen Maßnahmen erörtert 
werden, welche mehr unmittelbar auf die Verminderung der Kindersterblichkeit ge 
richtet sind. 
Als solche können bezeichnet ivcrdcn die im 'Jahre 1878 getroffene neue Ein 
richtung der Todtenscheine, von der bereits oben die Rede war und welche 
geeignet sein dürfte, zur Klarlegung der Ursachen der Kindersterblichkeit beizutragen, 
und ferner die Maßnahmen zur Controle des Milchhandels, über welche an anderer 
Stelle eingehend berichtet worden ist. Der Einfluß derselben auf die Kindersterblichkeit 
ist nicht zu unterschätzen, immerhin aber ein beschränkter. 
Auch die genaueste Controle der eingeführten und feilgehaltenen Mich wird in 
der Regel nicht erkennen lassen, ob dieselbe von kranken oder gesunden Thieren hcr- 
stammt. Von Bedeutung dürfte in dieser Beziehung namentlich die Maul- und 
Klauenseuche sein, weil diese häufig vorkommt, die Milcherzeugung wenig beschränkt 
und der Milch keine besonderen Eigenschaften verleiht, durch welche sie, als von 
kranken Thieren herstammend, erkannt werden könnte, während doch der Genuß der 
selben, wenn sie unausgekocht genossen wird, den jungen Kindern sehr nachtheilig ist. 
Was die Verfälschung der Mlch anlangt, so kommt in Berlin fast nur die 
Verschlechterung durch Wasserzusatz (oder auch durch Abrahmen) in Betracht und 
betreffen diese Verfälschungen fast ausschließlich die gewöhnliche Marktmilch, welche 
im Gegensatz zu der sogenannten „Kindermilch" oder „Milch, wie sie von der Kuh 
kommt", größtcntheils als mehr oder weniger stark abgerahmte Milch in den Verkehr 
gebracht wird. 
Für diejenigen Familien, tvelche entsprechende Preise zahlen, ist in Berlin für 
eine gute d. h. unabgerahmte und ungewässerte Milch durch zahlreiche Molkereien in 
der Stadt und der Umgebung und durch Zufuhr von außerhalb genügend gesorgt. 
Die ärmere Bevölkerung aber verbraucht, auch zur Ernährung der Kinder, meistens 
die billigere Marktmilch, welche gewöhnlich nicht nur abgerahmt ist, sondern bei der 
bisherigen Art der Controle auch noch bis zu einem gewissen Grade gewässert sein 
kann, ohne daß der Verkäufer straffällig würde. Die ganze Angelegenheit ist somit 
in dieser Richtung vorzüglich eine Geldfrage. 
Aus diesem Grunde sind auch die Bestrebungen, eine in jeder Beziehung vorwurfs 
freie Ali Ich ftir Kinder durch besondere Anstalten zu schaffen, in denen der Gesund 
heitszustand der Kühe, die Art der Fütterung und die ganze Haltung derselben k. 
controlirt werden, — an denen es auch in Berlin nicht fehlt — nicht von besonderer 
Bedeutung für die Kindersterblichkeit im Ganzen. 
Solche Anstalten können natürlich die Milch nur zu erheblich höheren Preisen 
liefern und kommen daher nur dem besser gestellten Publikum zu Gute, welches auch 
sonst im Stande ist, den jungen Kindern größere Sorgfalt angedeihen zu lassen, und 
sie vielfach auch den gefährlichen Einflüssen der Sommermonate durch Verlassen der 
Stadt entziehen kann. Hinzu kommt noch, daß die Beschaffenheit der Milch zur Zeit 
des Ankaufs durch die Consumenten keineswegs das ausschließlich Maßgebende ist. 
Allerdings wird die gewöhnliche Marktmilch häufiger auch schon beim Ankauf säuer 
lich sein, von wesentlichein Einflüsse darauf ist jedoch die fernere Behandlung derselben.
	        
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