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Volume II. Geschäftsberichte Abtheilung I 13. Sanitäts- und Medicinalpolizei

Full text: Verwaltungsbericht des Königlichen Polizei-Präsidiums von Berlin (Public Domain) Issue 1871/1880 (Public Domain)

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Maßnahmen bezüglich der Gewerbebetriebe. 
Eine nach einigen Monaten wiederholte Revision zeigte, daß nunmehr allen 
Anordnungen im Allgemeinen entsprochen worden war, nur die vorgeschriebenen 
Respiratoren ivnrden nicht benutzt, lvcii sie, fest angelegt, das Athmen zu sehr er 
schweren, andernfalls Mund lind Rase nicht genügend vor dem Eindringen des 
Staubes schützen. Sehr bemerkbar hat sich dabei gemacht, daß dem Trunk ergebene 
Arbeiter am leichtesten unter den üblen Wirkungen des Quecksilberstaubes litten und 
daß die Arbeiter selbst im Allgemeinen diejenige Vorsicht außer Acht lassen, ohne 
lvclchc alle gegebenen polizeilichen Vorschriften vergeblich sind und nicht zum Ztvccke führen. 
Aus verschiedenen Tischlereien gingen Klagen darüber ein, daß die Arbeiter 
in Folge der Verwendung des denalurirtcn Spiritus beim Beizen, Poliren rc. 
häufig sehr lästige Augenentzündungeil bekämen; die Thatsache wurde auch durch die 
hierauf angestellten Erhebungen erwiesen. 
Der nur zu gewerblichen Zwecken bestimmte Spiritus muß, um die damit ver 
bundene Steuerermäßigung zu genießen, damit er eben nicht getrunken werdeir kann, 
durch Zusatz von 10 Liter rohen Holzgeistcs (Kreosot) zu 90 Liter Spiritlis denatu- 
rirt werden. Derjenige Bestandtheil des Holzgeistes, dein die vorerwähnte nachthcilige Ein 
wirkn»^ auf die Augen zuzuschreiben, ist der Allyl-Alkohol, wovon der erstere, nach 
steueramtlichen Vorschriften, mindestens '/ 2 pCt. enthalten soll, thatsächlich aber ge 
wöhnlich viel mehr enthält. 
Die Anwendung dieses denaturirten Spiritus ist eine sehr umfangreiche und 
findet außer bei den genannten Handiverkern, noch bei Goldleisten- und Bilderrahmen- 
Fabrikanten, Vergoldern (zur Auflösung des Schellacks) und bei Hutmachern statt, 
so daß, nach den Aufstellungen des Gewerbe-Raths, in Berlin 659 Gewerbetreibende 
jährlich etwa 500 000 Liter solch' denaturirten Spiritus verbrauchen. Die Verwcn- 
dung desselben alls sanitären Rücksichten zu verbieten, erscheint nicht wohl thunlich, 
ivcil dadurch den Gewerbetreibenden das Arbeitsmatcrial sehr vertheuert würde. 
Andererseits könnte jedoch, nach der Ansicht des Polizei-Präsidiums, den Inter 
essen der Steuerbehörde völlig genügend. Rechnung getragen tvcrden, ohne daß fernere 
Schädigungen der Gesundheit zu erwarten ständen, wenn die Menge des Holzgeistcs, 
lvelche behufs der Denaturirung dem Spiritus zugesetzt wird, erheblich veriniildert 
würde. Rach den hier gemachten Erfahrungen würde schon ein Zusatz von 5 pCt. 
Holzgeist ausreichen, um den Spiritus ungenießbar zu machen. 
Von den ziemlich zahlreichen Unglücksfällen, welche bei den Gewerbebetrieben 
in Berlin vorkommen, bestanden die überwiegend meisten in Verletzungen durch rein 
mechanische Gewalt (Maschinen rc.) und durch Verbrennungen und Verbrühungen oder 
Explosionen; nur ivenige hatten ein sauitätspolizeilichcs Interesse. In einem Falle, 
1879, starb eine Arbeiterin in einer Schriftgießerei an Bleivergiftung. Sie hatte 
erweislich den häufigen Mahnungen zum Waschen der Hände, namentlich vor Ein 
nahme der Mahlzeiten, keine Folge gegeben. 
3. Maßnahmen zum Schutze und im Interesse der Gcsnndhcit der jugendliche» 
Arbeiter. 
Die Controle darüber, ob die gesetzlichen Bestimmungen betreffs der Frauen und 
jugendlichen Arbeiter Seitens der Fabrikanten befolgt werden, liegt jetzt dem Gewerbe- 
Rathe ob, während friiher die Bezirks-Physiker damit beauftragt waren. 
Der Bericht des Gewerbe-Raths enthält zwar nur Angaben über die Zahl der 
jugendlichen Arbeiter, die Art ihrer Beschäftigung und in wie weit Uebcrtretungen 
gegen das Gesetz Seitens der Fabrikanten vorgekommen sind. 
Im Uebrigen wird darin jedoch bemerkt, daß die Art ihrer Beschäftigung zu 
Bedenken keine Beranlaffung gegeben habe; cs scheinen demnach Uebelstände, welche 
die Gesundheit besonders der jugendlichen Arbeiter zu gefährden geeignet sein könnten, 
nicht zur Kenntniß des Gewerbe-Raths gckoimncn zu sein. 
Ueber die sonst hier einschlagenden Verhältnisse vergleiche den Bericht über 
die Fabriken-Jnspcction unter I. 17.
	        
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