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Volume II. Geschäftsberichte Abtheilung I 13. Sanitäts- und Medicinalpolizei

Full text: Verwaltungsbericht des Königlichen Polizei-Präsidiums von Berlin (Public Domain) Issue 1871/1880 (Public Domain)

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Milch, 
meinen und namentlich die der Kinder im ersten Lebensjahre in entscheidender Weise 
beeinflussen, sind auch ftir die Kinder-Ernährung säst ganz auf diese billigste Art der 
Milch angewiesen, während der Wohlhabendere für die entsprechenden Preise in Berlin 
überall eine Milch von solcher Güte zu erhalten vermag, wie sic durch irgend welche 
polizeilichen Maßnahmen nur gewährleistet werden könnte, abgesehen davon, daß ein 
großer Theil der Kinder der wohlhabenden Klassen entweder, wenn nicht durch die 
Mutter, so doch durch Ammen ernährt wird, oder die heißesten Sommermonate 
außerhalb der Stadt zu verbringen Gelegenheit hat. 
Die Milch der hiesigen Molkereien und die von auswärts eingeführte sogenannte 
„Kindermilch" ist mehrfach gelegentlich durch den Chemiker des Polizei-Präsidiums 
untersucht worden und hat meistens eine recht befriedigende Beschaffenheit erkennen 
lassen. Sv wünschcnswerth es ist, daß auch für diese demnächst eine regelmäßige 
Controle eingeführt wird, ist dies bisher nicht geschehen aus Gründen, die aus dem 
Folgenden erhellen. 
Betreffs der gewöhnlichen Handelsmilch besteht eine regelinäßige Controle in 
Berlin bereits seit dem Jahre 1852. Sic wurde bis zum Jahre 1876 dadurch aus 
geübt, daß einige Beamte der Marktpolizei die auf den Straßen umherfahrendcn 
Milchwagen anhielten und von diesen, sowie auch aus Milchkcllern Mlchproben ent 
nahmen, welche sofort mittelst eines einfachen Aräometers — des Docrffel'schen Milch 
messers — untersucht wurden. Zeigte die Milch weniger als 13 Grad desselben an, 
so wurde sie sofort vor Aller Augen in den Straßen-Rinnstcin gegossen und der 
Händler behufs Bestrafung auf Grund der Markt-Pvlizei-Ordnung (§ 39) wegen 
„absichtlicher Vermischung der Milch mit Wasser" zur Anzeige gebracht. 
Milch, welche 13" des Milchmessers zeigte, hatte ein specifisches Gewicht von 
ziemlich genau 1,025 und 9,n % feste Bestandtheile, entsprach also etwa einer guten 
theilweise abgerahmten Milch, der auf 3'/ 2 Maßtheile ein Theil Wasser zugesetzt 
wurde. Die Ansprüche wurden deshalb so niedrig gestellt, weil bei der gerichtlichen 
Verfolgung der Uebertretungen lediglich das Ergebniß der aräometrischen Milchuntcr- 
suchung den Beweis der absichtlichen Vermischung der Milch mit Wasser liefern und 
dabei zugleich auch auf die folgenden besonderen Umstände Rücksicht genommen werden 
mußte, wie auf die unter Umständen natürliche, aber außergewöhnliche Wässrigkeit der 
Milch, auf die Möglichkeit unabsichtlicher Verdünnung durch bei der Reinigung 
der Gefäße in denselben zurückgebliebenes Wasser, auf die Ungenauigkeit des Meß- 
Instruments, auf die Möglichkeit ungenauer Ablesung durch die Polizei-Beamten und 
besonders auch auf den Einfluß, den die Temperatur auf das Resultat der Gewichts- 
bestimmung der Milch ausübt. Auf den letzteren Umstand konnte bei Anwendung 
dieses Aräometers gar keine Rücksicht genommen werden. 
Im Jahre 1874 wurde der Versuch gemacht, aus Grund einer eingehenden 
chemischen Untersuchung zahlreicher Milchprvbcn, die Verurtheilung der Milchhändler 
schon dann herbeizuführen, wenn die Handelsmilch weniger als 15" des Docrffel'schen 
Milchmessers aufwies, jedoch schlug dieser Versuch fehl, weil die Sachverständigen des 
Polizei-Präsidiums bei den gerichtlichen Verhandlungen nicht im Stände waren, ihre 
sachlich gewiß richtigen Gutachten über die Verfälschung der Milch, namentlich den von 
den Angeschuldigten entgegengestellten technischen Gutachten gegenüber, völlig aus 
reichend und dem Richter genügend klar nachzuweisen. Auf Veranlassung der Polizei- 
Anwaltschaft wurde daher wieder auf die 13° nach Doerffel zurückgegangen. 
Am 15. Oktober 1877 wurde alsdann ein neues Instrument, ein Aräometer 
von Greiner, eingeführt, welcher vor dem Docrffel'schen namentlich auch den Vorzug 
hat, daß bei seinem Gebrauch zugleich der Einfluß der Temparatur auf das Gewicht 
berücksichtigt werden kann. Es wurde der 14. Grad dieses Milchmessers (Lactomcters) 
dabei als derjenige festgesetzt, den die (Handels-) Milch wenigstens aufzeigen muß, 
um nicht als durch Wasserzusatz verfälscht behandelt zu werden. 
Von dem Doerffel'schcn Instrument unterscheidet sich das Grciner'schc dadurch, 
daß eiu kleiner Thermometer dem Aräometer hinzugefügt ist, so daß gleichzeitig die 
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