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Volume II. Geschäftsberichte Abtheilung I 13. Sanitäts- und Medicinalpolizei

Full text: Verwaltungsbericht des Königlichen Polizei-Präsidiums von Berlin (Public Domain) Issue 1871/1880 (Public Domain)

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Nachtherbergen. Pennen. 
2. Erlaß dcr Polizei-Verordnung vom 31. Januar 1880, betreffend die Nacht- 
Herbergen, auch Pennen genannt. 
Eine Art von Wohnungen, wie man sie sich schlimmer und den einfachsten 
Forderungen der Sanitätspolizei weniger entsprechend kaum denken kann, bildeten in 
Berlin seit langer Zeit die sogenannten Pennen. Dieselben sind zu Unrecht (Gvlt- 
dammer: Ueber die Kost- und Logirhäuser für die ärincrcn Volksklaffcn, Vierteljahr- 
Schrift für gerichtliche Medicin rnid öffentliches Sanitätswesen (N. F. Bd. 29 
S. 296) gleich gestellt tvordcn mit den sogenannten „Kost- und Logirhäuser»", welche 
in anderen Städten Deutschlands und des Auslandes bestehen und eine Art großer 
Chambregarnis namentlich für die ledigen Fabrikarbeiter darstellen, tvelche in den 
selben auf längere oder kürzere Zeit Wohnung nehmen unb vielfach auch beköstigt 
werden können. Die „Berliner Pennen" können passend nur als Nachtherbergen 
bezeichnet werden, tvelche den elendesten und verkoimnensten Personen gegen ein Ent 
gelt von einigen Pfennigen einen Schlupfwinkel für eine oder die andere Nacht ge 
währen. Zum großen Theil tvcrdcn sie von Personen ausgesucht, welche, wenn es 
die Witterung irgend erlaubt, im Freien, im Thiergarten, in den städtischen Park 
anlagen, eingezäunten Baustellen re. nächtigen und Grund haben, sogar Anstalten wie 
die „Asyle für Obdachlose" wegen der, wenn auch geritigen Contrvle, dcr sie sich in 
denselben unterworfen fühlen, zu meiden. 
Diese Pennen tvaren es, in denen die Criminal-Polizei bei gegebener Gelegen 
heit meist mit gutem Erfolg nach sonst vergebens gesuchten Verbrechern zu fahnden 
pflegte. In den schliinmsten derselben lagen die Gäste sogar auf kahler Erde oder 
in einet» Stalle, zeitweise — bei stärkerem Besuch — förmlich zusammengepfercht. 
Der Schiitiitz, der in denselben herrschte, die Luftverderbniß tvaren entsetzlich, wenn 
sich auch imnierhin ein Unterschied in der Qualität derselben bei dem Vergleich dieser 
Pennen unter sich bemcrkeit ließ. Eine sanitätspolizeiliche Cvutrole wurde über die 
selben nicht geführt, wenn nicht gerade Epidemien in Berlin ausbrachen. In solchen 
Zeiten wurde ein Theil ganz geschlossen, für die übrigen tvurdeil Vorschriften er 
lassen Ntid tvährend der Dauer der Epidemien auch durchgeführt, Vorschriften, welche 
in erster Reihe den Zweck hatten, eine Ueberftillung der Räume zu verhindern und 
dann den ferneren, alle dort Obdach suchenden Personen, welche dcr herrschenden 
Krankheit verdächtig erschienen, sofort in eine Krankenanstalt zu schaffen. — Nach 
Erlöschen dcr Epidemien tvurden die Pennen wieder sich selbst überlassen. Einem 
grundsätzlichen Vorgehen gegen das Bestehen derselben stand bis dahin, außer der 
Rücksicht auf das Interesse der Criminal-Polizei, die Erwägung entgegen, daß der 
artige Schlupfwinkel für den elendesten Theil der Bevölkerung nothwendig wären 
und thatsächlich in allen großen Städten beständen, und daß jede Verbesserung in 
der Beschaffenheit der in Rede stehenden Localitätcn, welche die Behörde zwangs- 
mäßig durchführen könnte, zugleich die unausbleibliche Folge haben würde, die Pennen 
ganz eingehen zu lasten oder den Preis dcr Nachtherberge zu steigern, so daß dann 
diejenigen Personen, welche ein, wenn auch klägliches und oft (in gesundheitlicher Be 
ziehung) gefährliches Obdach bis dahin daselbst gefunden hätten, desselben gänzlich 
beraubt würden. 
Dem gegenüber gewann jedoch allmählig die Ansicht die Ueberhand, daß solche 
„Pennen"" zumal als von dcr Behörde concessionirte Gastwirthschaften nicht ferner 
geduldet werden dürften, weil sie eine dauernde Bedrohung des Gesundheitszustandes 
der Berliner Bevölkerung darstellten. Eine Großstadt, wie Berlin, ist dauernd der 
Einschleppung ansteckender Krankheiten ausgesetzt und jene Pennen lvaren ganz ge 
eignet, dem eingeschleppten Keime als Brutstätte zu dienen. Die Beobachtung, daß der 
Flecktyphus (Siche I C. 3 b) sich mehr und mehr in Berlin einzubürgern schien, diente 
dieser Erwägung ivirksam als Stütze. Für das Gemeinwohl konnte cs nur als Vortheil 
haft erkannt werden, wenn die bisherige Bevölkerung der Pennen mehr in die Asyle 
gedrängt würde oder überhaupt ein ihr angeineffenes Unterkommen in Berlin nicht fände.
	        
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