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Volume II. Geschäftsberichte Abtheilung I 13. Sanitäts- und Medicinalpolizei

Full text: Verwaltungsbericht des Königlichen Polizei-Präsidiums von Berlin (Public Domain) Issue 1871/1880 (Public Domain)

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Unterleibs-Typhus. 
Einige der Häuser, welche höhere Erkrankungsziffern gaben, waren Gesängniffc, 
Krankenhäuser oder ähnliche Anstalten. 
So kamen 1879 4 Fälle im städtischen Asyl für Obdachlose, Friedenstraße 55/56, 
3 Fälle in der Penne, Prenzlauerstraße 17, desgleichen im Gefängniß Pcrlebergcr- 
straße 39 vor, im Jahre 1880 ebendaselbst 12 Fälle (die höchste beobachtete Ziffer), 
5 Fälle im St. Hedwigskrankenhause, 3 Fälle im Lazaruskrankenhause, 6 Fälle im 
Krankenhause im Friedrichshain und 3 Fälle im Barackenlazareth. 
Von den Fällen, die im Asyl und in der Penne gemeldet wurden, ist nicht an 
zunehmen, daß sic dlirch die Anstalten selbst hervorgerufen ivordcn, vielmehr ivurdc 
die Krankheit hier dlirch Personen hineingetragen, die schon krank Zuflucht daselbst 
gesucht lind gefunden hatten lind von den Anstalten nach den Krankenhäusern geschickt 
lvorden waren. 
Die vorangcführten Zahlen der Erkrankungen in dm Krankenhäusern beziehen 
sich selbstverständlich nur auf Personen des Pflegepersonals (Schwestern, Krankenwärter, 
Dienstboten), nicht auf die Kranken, die dort zur Heilung arifgenommen worden. 
Mehrfach lvar Ueberfüllung der Wohnungen und Häuser die hauptsächlichste 
Ursache der Erkrankungen, meistens verbunden mit großer Unreinlichkeit. Häufig 
lvurde festgestellt, daß die Wohnungen, in denen die Erkrankungen erfolgten, den 
baupolizeilichen Anforderungen nicht entsprachen und daß in denselben Räume zum 
Wohnen uild namentlich zum Schlafen benutzt wurden, die als solche behördlich 
ilicht genehmigt waren und sich wegen Mangels an Luft lind Licht auch nicht dazu 
eigneten. 
In sehr vielen Fällen waren die Abtrittanlagcn vorschriftswidrig eingerichtet 
oder vernachlässigt und schlecht gehalten, die Ableitung der Schmutzwässer, denen oft 
menschliche Auswurfstoffe beigemischt waren, eine mangelhafte, die Senkgruben in 
schlechtem Zustande, überfüllt, durchlässig k. 
In mehreren Fällen lvaren diese Uebclstände eingetreten wegen und während 
der Kanalisationsarbeiten. Meistens kam nicht das Auswerfcil des verunreinigten 
Erdreichs beim Graben der Kanäle allein in Betracht, sondern zugleich die vorüber 
gehende Stagnation der Schmlitzlväffer auf den Grundstücken. 
Ueber einen solchen Fall im Jahre 1880 (4 Erkrankungen im Hause Mariannen- 
straße 53), über welchen alich in der Presse gesprochen war, wurde ein eingehender 
Bericht an den Herrn Reffort-Minister erstattet. 
In mehreren Fällen wurde ausschließlich oder neben anderen Mißständen das 
Brunnenwasser als Erkrankungs-Ursache nachgewiesen. 
In einigen derselben hatten alte, lange nicht mehr benutzte Brunnen vorüber 
gehend wieder in Gebrauch genommen werden müssen, weil die im Hause vorhandene 
Wasserleitung wegen rückständiger Zahlung des Wasserzinses Seitens der städtischen 
Behörden abgesperrt worden tvar. 
Noch öfter geschah es, weil das Wasserleitungs-Wasser durch sein Aussehen und 
seine äußerliche Beschaffenheit vom Genuß zurückschreckte. 
Wenn nicht das Wasser bereits bei der durch den Bezirks-Physikus vorgenommenen 
vorläufigen Untersuchung sich als zweifellos unbrauchbar herausstellte, wurde in allen 
Fällen, in denen das Wasser als schädliche Ursache angesehen ivorden tvar oder ver 
muthet wurde, die chemische Uittcrsuchung desselben angeordnet. 
Diese Untersuchungen ergaben, daß sich das Wasser dieser Brunnen meist in 
einem Zustande zum Theil entsetzlicher Verunreinigung befand und zwar fast aus 
nahmslos durch Zufluß von Jauche oder durch Wasser aus dem verunreinigten Erd 
boden der Umgebung des Brunnens. 
Mag man auch der Ansicht sein, daß der Genuß solchen Wassers nicht unmittelbar 
Typhus erzeugt, so kann doch derselbe schon im allgemeinen gesundheitlichen Interesse 
nicht als zulässig erachtet werden und außerdem hat die chemische Untersuchung 
der Brunnenwässer auch für die Anhänger der Ansicht, daß der Typhus nur allein 
vom Boden ausgeht, insofern eine Bedeutung, als sie einen werthvollen Anhalt für
	        
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