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Volltext: Bürger und Soldaten! Seit der gestrigen herrlichen Volksversammlung vor dem Schönhauser-Thor sind wir für immer verbrüdert. (Public Domain)

Bürgerin und Soldaten! 
Seit der gestrigen herrlichen Volksversammlung vor dem Schönhauser-Thor sind wir für immer ver- 
brüdert. Bürgerin und Soldaten! 33 Jahren der Knechtschaft sind wir uns zum ersten mal wieder klar bewußt geworden, daß 
wir ein einiges Volk sind. Ja, Bürger und Soldaten, wir sind einig; denn wenn wir von Bürgern spre- 
chen, so sprechen wir von allen waffenfähigen Männern des Landes und wenn wir von ver- sprechen, so 
sprechen wir wiederum von den waffenfähigen Männern des Landes, alle Bürger sind Soldaten und alle Sol- 
daten sind Bürger. Alle, Alle bilden das Volk, das einige freie Volk! Bürger, Soldaten, das 
ist keine Neuigkeit, die erst seit gestern wahr geworden! — Nein! — Das ist eine uralte Thatsache, die nur bis- 
weilen und für kurze Dauer umschleiert. werden konnte durch die Umtriebe einer einige schleichenden, volksfeind- 
lichen Partei, die nicht nur heutzutage in unserm deutschen Vaterlande, sondern von jeher und in allen Landen 
vom Nord- zum Südpol, da sich geltend gemacht hat, wo es noch Dummheit gab, die Dummheit nemlich: 
den allen Menschen gleichmäßig innewohnenden Trieb nach Freiheit nur für sich allein und auf Kosten der Mit- 
brüder behaupten zu wollen. — Diese Partei aber trägt den Keim des Todes schon in sich, und alle ihre, aus 
der Saat der Lüge emporgeschossenen Stützen sind auch bei uns schon vor der Sonne des 19. März in 
den Staub gesunken! — diese Stützen waren als giftige Blüthen: Absolutismus, Büreaukratie, 
Aristokratie, stehendes Heer, Pfaffen- und Geldsackthum; sie bilden jetzt in ihrer verpestenden Verwe- 
sung: die Reaktion. Fort mit dieser Reaktion, sie gehört in den Koth! Ja! 
Bürger und Soldaten! in den Koth und wenn Fürstenkronen in diesem Kehricht schimmerten! 
Schimmern Fürstenkronen darin? Es läßt sich unter dem Gerumpel von Epauletten und Garde 
litzen rc. rc. nicht deutlich herauserkennen. — Daran aber Bürger, die ihr noch im Soldatenrocke stecket, läßt uns 
ftöhlich festhalten: Die Krone auf dem Haupte Friedrich Wilhelm IV. ist nicht 
reaktionär, unser eigen Blut hat fie von diesem Schmutz gereinigt ! — 
Bürger mit und ohne Soldatenrock erinnert Euch an den 23. März! — Hoch zu Roß, das deutsche Ban 
ner schwingend, rief der König damals in den Straßen Berlins: „Ich danke meinem grostmüthi- 
gen Wolke!" Ja Bürger, das ist eine Thatsache! Wißt nur, daß Friedrich Wilhelm IV. sein Haupt 
entblößte vor den geschmückten Leichen der Barrikadenhelden, — das er ihren unvergeßlichen Trauerzug beweinte, 
daß er in seiner Proclamation vom 21. März Alle Wünsche des siegreichen Volkes zu erfüllen versprach, daß 
er die breiteste Grundlage der Constitution anerkannte, seine Truppen zur Befteiung Schleswig-Holsteins sandte 
und int Armeebefehl vom 29. Juli der, im Reichsverweser dargestellten, Centralisation Deutschlands huldigte. 
Nicht allein dies Alles, er that noch mehr, das höchste, was ein König thun kann: 
„Er -ankte -em großmüthigen Volke" 
Bürger das hat ihm die Reaktion nicht vergessen! Wuth entbrannt, giftgeschwollen hat sie alle jene 
Acte seines gebesserten Herzens in ihren Erfolgen zu verkümmern gewußt. 
Das Andenken unserer Freiheitshelden bat sie geschmäht und besudelt; unsere Siege in Schleswig-Holstein verhunzt und dem 
königlichen Gruße deutscheinheitlichen Bewußtseins durch splendide Vertheilung von Traktätchen aus der Deckerschen Hof 
buchdruckerei ins Angesicht geschlagen! Ja großmüthige Bürger Berlins, erkennet es klar in diesem wichtigen Zeitpunkte: 
Die Reaktion haßt -as Volk un- -en König! 
Ja Bürger, die ihr noch im Soldatenrocke steckt, auch Eure reaktionären Offiziere hassen den König! 
Ich selber, der ich noch vor wenigen Wochen in ihren Reihen stand, ich weiß es, daß man ihn haßt! bei unserm 
Truppencorps in Schleswig Holstein habe ich es hundertfach vernommen, wie dic reaktionären Offiziere den volksthüm- 
lichen Beweggrund unserer. Sendung dorthin offen verlüugneten und die Abdankung, ja den Tod unsers Königs als 
das einzige Mittel zu dem alten Zopf zu kommen, herbeiwünschten. Die Reaktion will die Abdankung des Königs und 
wenige Wochen vielleicht genügen, um die Triebfedern einer verrätherischen Contre-Revolution ans Tageslicht zu bringen! 
Bürger: Richt um -es Königs Willen (was kümmert uns in dieser Angelegenheit eine Person?) 
um unser Selbst Willen hob ich gerade diesen Standpunkt der reactionären Umtriebe heraus, damit wir uns 
nicht verblenden lassen durch die Unzahl von Plakaten, die mit den lächerlich verächtlichen Unterschriften, wie fie jeder 
machen kann: ein alter Soldat, ein Landwehrmann, mehrere Wehrmünner und Wehrreiter und dergleichen curiosa mehr, 
in Euren Gemüthem noch den letzten Berührungspunkt mit der Vergangenheit zu ihren elenden Zwecken ausbeuten wollen: 
Eure großherzige Trene für König un- Ei-! 
Bürger bleibet treu Eurem König und Eurem Eide, aber wisset auch, was ihr davon zu halten habt, wenn Nichtswür 
dige Euch verlocken wollen, und vergesset nicht, daß König und Eid seit dem 18. März thatsächlich in democra- 
tischer Bedeutung anerkannt wurden; und daß -ie Umtriebe -er Reaction nach wie vor -iefel- 
ben, nämlich -ie Umtriebe -es Eigennutzes un- -er Lüge fin-. 
Berlin, am 19. September 1848. 
Otto de la Chevalerie, 
Preußischer Lieutenant, im 20. Infanterie-Regiment seit dem Waffenstillstand mit Dänemark außer Dienst. 
Berlin, Verlag von S. Löwenherz, Mohrenstraße Nr. 39 und Charlottenstraße Nr. 27. 
(Preis 1 Sgr., auch durch alle Buchhandlungen banr zu beziehe»,) 
)Lrande» iV Schnitze, Rsßstraßc Nr.
	        
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