XII.
Der Kommunistenaufstand in Berlin
im Januar 1919.
a) Das Einheitskabinet der MehrheitssoziaHsten und sein
Programm.
Nach dem Rücktritt der unabhängigen Sozialdemokraten aus der Regierung
wählte der Zentralrat die Mehrheitssozialisten Paul Lobe, Gustav
Noske und Rudolf Wissell, alle drei aus der Arbeiterklasse hervorgegangen,
zu Volksbeauftragten.
Paul Lobe, ursprünglich Schriftsetzer und dann Redakteur, war in
der nichtsozialistischen Welt außerhalb seines Wirkungsorts Breslau noch
wenig bekannt, erfreute sich aber in Breslau wegen seines bei aller sachlichen
Entschiedenheit urbanen Auftretens auch in nichtsozialistischen Kreisen
großer Achtung. Er lehnte mit der Begründung ah. daß er sich der Stelle
in der Regierung nicht gewachsen fühle und in seiner Heimatprovinz nötiger
zu sein glaube. Von ruhigem Urteil, ausgeglichenem Temperament und gewinnendem
Wesen wäre er in mancher Beziehung ein nützliches Gegenstück
gegen den zweiten der neugewählten Volksbeauftragten gewesen.
Dieser, Gustav Noske. ursprünglich Holzarbeiter und später Gemeindevertreter,
Schriftsteller und Reichstagsabgeordneter, hatte sich schon in
seinem öffentlichen Wirken als eine Mischung von nüchternem Urteil, Gegnerschaft
gegen die Phrase und Neigung zu militärischer Denkart bekannt gemacht.
schon lange vor dem Kriege durch Äußerungen in diesem Sinne sich
heftige Angriffe vonseiten des radikalen Flügels der Sozialdemokratie zugezogen,
die er nicht gerade sanft zu erwidern pflegte. In Kiel hatte er sich
nach seiner Wahl zum Gouverneur als guter Organisator und tatkräftiger
Leiter von Massen bewährt, auch manche Barschheit im Auftreten, die ihm
als geborenen Brandenburger anhaftete, durch überzeugende Begründung
seiner Maßnahmen im Rat der Mannschaften übersehen zu machen verstanden.
Dabei ermangelte er aber doch jener Selbstbeherrschung, die in kritischen
Situationen ein notwendiges Requisit des Führers ist.
Rudolf Wissell, von Hause aus Maschinenbauer und dann Gewerkschaftsleiter
und Arbeitersekretär, hatte schon in dieser Tätigkeit und als
Parteimann die geistige Begabung und die Fähigkeit rascher Einarbeit in
gestellte Probleme an den Tag gelegt, die er später als Parlamentarier und
Minister betätigen sollte. Musterbeispiel des bildungsfreudigen Proletariers
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